Mein Name sei Niemand

Neulich fragte mich ein etwa achtjähriges Kind bei einem Familientreffen: „Was bist du eigentlich?“ Ich antwortete so etwas wie „Gute Frage! Die stelle ich mir auch schon mein Leben lang. Man rätselt, ob ich zur Spezies Mensch gehöre.“ Das Kind blickte mich ernsthaft an, alle hörten zu, aber niemand schmunzelte. Witzig kann ich nicht so gut. Also erklärte ich etwas kompliziert, dass ich Doktorandin sei, also sozusagen an der Uni arbeite, aber eigentlich auch nicht und sowieso schon fast nicht mehr, und dass ich Mutter bin, was aber nicht als Beruf zu verstehen sei, mich aber schon auch am Arbeiten hindere, obwohl ich gerade mehr oder weniger einen Job suchte. Das Kind schien zu verstehen. Es schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und rief: „Jetzt weiß ich, was du bist. Du bist – nichts!“

Das kleine Menschlein hat schon kapiert, worum es geht: alles oder nichts, eine Identität, eine Zuordnung, etwas, das mir ein Gesicht und eine Daseinsberechtigung gibt. Was man in die Spalte „Beruf“ in Fragebögen einträgt und wie man sich in 99 Prozent aller Small-Talk-Kennenlern-Gespräche kategorisierbar macht. Damit man für Anaktoria auch einsetzten kann: die Lehrerin, Polizistin, Krankenpflegerin, damit Anaktoria ein Prädikatsnomen hat. Ohne dieses Prädikatsnomen ist Anaktoria halt nur Anaktoria – oder: nichts. Auch nicht „ein Nichts“, sondern einfach nur nichts, eine Leerstelle.

Wenn Anaktoria aber nicht nichts ist, sondern nur Anaktoria und sonst nichts, könnte das auch durchaus etwas Gutes sein im Sinne der allgemeinen Forderung nach Authentizität, Bei-Sich-Sein, Selbstfindung und den ganzen anderen Imperativen meines Milieus – alles, was Arbeit am Selbst erfordert. Ich könnte behaupten, dass ich diese Arbeit am Selbst nicht nach Feierabend betreibe, nonchalant und nebenbei im Yogastudio, durch Ernährung, Konsum und so weiter, sondern sozusagen hauptberuflich.

Aber das wäre natürlich auch Käse, denn ich habe keine Ahnung, wo ich dieses sogenannte Selbst suchen, geschweige denn, wie ich daran arbeiten soll. Keine Maske zu haben, bedeutet schließlich nicht, dass man sich deutlicher im Spiegel sieht. Es bedeutet erst einmal, Unruhe und Unsicherheit auszuhalten und abzuwarten, was dann kommt.

Wenn mir also das nächste Mal jemand beim Weggehen die langweiligste Kennenlern-Frage nach „Woher kommst du?“ stellt – ich werde nie begreifen, wieso man nicht über irgendetwas Naheliegendes reden kann, wie den Song, der gerade läuft, den Drink, den man in der Hand hält oder die Kunst, im richtigen Augenblick zu gehen – Wenn mich also jemand fragt, was ich eigentlich „so mache“ und mit der scheinbaren Beiläufigkeit schlecht die Existentialität verbirgt, die das Kind mit seiner direkten Frage offenbart, vielmehr sein Bedürfnis verrät, meinen sozialen Status abzuchecken, antworte ich „Who are you and what do you want of me?“ oder einfach: „Nichts. Rein gar nichts.“


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