Mach deinen Job, Mann!

In letzter Zeit wächst in mir das Bewusstsein für die vielen Imperative, denen ich im Leben ausgesetzt bin. Oftmals sind diese Imperative uns als solche nicht sofort zugänglich, weil wir sie nicht nur verinnerlichert haben, sondern uns diesen gegenüber zugleich ohnmächtig fühlen. Ein solcher Imperativ lautet: MACH DEINEN JOB, MANN!

In „The will to change: men, masculinity, and love“ (2004) hat sich die afroamerikanische Feministin bell hooks u. a. mit dem Verhältnis von Männlichkeit und Arbeit beschäftigt. Gleich zu Beginn des sechsten Kapitels macht sie eine interessante Bemerkung:

Before feminist movement boys were more likely to be taught, at home and at school, that they would find fulfillment at work. Today boys hear a slightly different message. They are told that money offers fulfillment and that work is a way to acquire money – but not the only way. Winning the lottery, finding a wealthy partner, or committing a crime for which you do not get caught are paths to fulfillment that are as acceptable as working. These attitudes about the nature of work in patriarchal society have changed as capitalism has changed the nature of work. Few men, either now or in the future, can expect a lifetime of full employment. Nowadays working men of all classes experience periods of unemployment. In order to keep the faith, patriarchal culture has had to offer men different criteria for judging their worth than work. (hooks 2004: S. 90f.)

Im folgenden argumentiert hooks, dass an die Stelle der Erfüllung, welche Männern früher durch die Arbeit versprochen wurde, heute eine Reihe von Abhängigkeiten und Süchten gerückt sind, um unbefriedigende Arbeitsbedingungen zu ertragen. Nicht nur Spielsucht, Drogenmissbrauch, insbesondere Alkoholismus, und sexuelle Abenteuer dienen Männern seit Jahrzehnten zur Stabilisation ihrer Männlichkeit. Auch der prototypische „workaholic“ ist immer noch ein Mann. Es gehört m.E. zu bell hooks großen Verdiensten, dass sie nicht nur auf diese leidlich bekannte Krise der Männlichkeit im Verhältnis zur Arbeit aufmerksam gemacht hat, sondern auch eine weitergehende Analyse vorgelegt hat. So macht hooks darauf aufmerksam, wie groß der emotionale, körperliche und psychische Preis ist, den Männer in der Arbeitswelt bezahlen. Im klassischen (noch lange nicht verschwundenen) Familienmodell, wo der Mann sich als „Ernährer“ der Familie verstand, bezahlte der Mann selbst im Falle einer erfolgreichen Ausfüllung dieser klassischen Männerrolle dies mit einer notorischen Abwesenheit für Frau und Kinder:

Work stands in the way of love for most men because the long hours they work often drain their energies; there is little or no time left for emotional labor, for doing the work of love. (…) It is simply assumed in patriarchal culture that men should be willing to sacrifice meaningful emotional connections to get the job done. (hooks 2004: S. 94)

Als Feministin geht es hooks darum, verständlich zu machen (nicht etwa zu rechtfertigen), wie Männer im klassischen Familienmodell in emotionaler Distanz gehalten werden und an die Stelle empathischer, gleichberechtigter Beziehungen ein mehr oder minder dominantes bis gewalttätiges Verhalten der Männer (aber häufig nicht nur der Männer) tritt, unter dem die gesamte Familie leidet. Viele emotional verschlossene Männer erhofften sich Erholung von und Ausgleich für unbefriedigende Arbeitsbedingungen ausschließlich vom Sex. Die daraus resultierende Überforderung der Sexualität als emotionales Auffangbecken für eine kriselnde Männlichkeit belastet auch heute noch viele Beziehungen. Frustration und weitere Entfremdung sind häufig die Folge.

Hooks vergleicht dieses klassische, von ihr nicht favorisierte Modell mit dem sich heute allmählich durchsetzenden Modell, in dem beide Partner arbeitstätig sind; und sie kommt zu dem Schluss, dass wir es trotz der zu erstrebenden Parität der Arbeit mit einer sich verschärfenden Situation zu tun haben:

Most women who work long hours come home and work a second shift taking care of household chores. They feel, like their male counterparts, that there is no time to do emotional work, to share feelings and nurture others. (…) Domestic households certainly suffer when sexism degrees that all emotional care and love should come from women, in the face of the reality of working women, like their male counterparts, often come home too tired to deliver the emotional goods. Sexist men and women believe that the way to solve this dilemma is not to encourage men to share the work of emotional caretaking but rather to return to more sexist gender roles. They want more woman, especially those with small childern, to stay home. (hooks 2004: S. 95)

Hooks zufolge haben wir es also immer noch mit einer Zweiteilung der Arbeits- und der Nichtarbeitswelt entlang unserer Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun: Emotionale Tätigkeiten finden in der Nichtarbeitswelt statt, haben am Arbeitsplatz aber relativ wenig verloren. Obgleich auch dies sich von Beruf zu Beruf unterscheidet, lässt sich kaum leugnen, dass wir immer noch in einer solchen zweigeteilten Welt leben. Solange die fürsorgenden und emotionalen Tätigkeiten immer noch für typisch weibliche Tätigkeiten gehalten werden, bleiben die Geschlechterverhältnisse selbst dann ungerecht, wenn Männer und Frauen gleichermaßen arbeitstätig sind. Es scheint mir nicht entschieden, ob die nächste Generation hier wirklich eine echte Gleichberechtigung erreichen wird. Diskutieren wir also über die Nivellierung des „gender pay gap“, so sollten wir immer auch an die andere Seite der Medaille denken. Nicht nur in der Bezahlung am Arbeitsplatz, sondern auch in der ungleichen Aufgabenverteilung in der Nichtarbeitswelt muss die Spaltung zwischen Männern und Frauen aufgehoben werden.

Mit bell hooks kann man m.E. die Ansicht vertreten, dass vielen Männern der Preis gar nicht bekannt ist, den sie zahlen, selbst wenn sie noch von besserer Bezahlung am Arbeitsplatz und größerer Entlastung von nicht-bezahlten Tätigkeiten profitieren. Wie sehr das Selbstverständnis von Männern immer noch an ihre Arbeit und ggf. ihre Ernähererrolle gebunden ist, lässt sich daran sehen, wie stark das Selbstbild von arbeitlosen Männern und Vätern gefährdet ist. Hier zu merkt hooks an:

Many men use work as the place where they can flee from the self, from emotional awareness, where they can lose themselves and operate from a space of emotional numbness. Unemployment feels so emotionally threatening because it means that there would be time to fill, and most men in patriarchal culture do not want time on their hands. (hooks 2004: S. 97)

In Anlehnung an Victor Seidlers Buch „Rediscovering Masculinity“ macht hooks deutlich, dass Männer häufig noch unter dem Diktat der Selbst-Kontrolle stehen, insbesondere ihres Gefühlslebens. Kompetetive Arbeitsbedinungungen führen außerdem dazu, dass das Verhältnis zwischen Männern am Arbeitsplatz von emotionaler Distanz geprägt ist. Zugespitzt heißt das: Männer sind während ihrer Arbeitszeit dazu angehalten, das Verhältnis zu ihren Gefühlen, ihrem Körper zu kontrollieren und damit einen wichtigen Teil ihrer Person zu verleugnen. Die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz sind darum oftmals zweckorientiert und tragen auch heute noch zur Verschärfung patriarchalen Verhaltens bei. Fraglos sind Frauen in der Arbeitswelt von diesen Einflüssen ebenso betroffen wie Männer und nicht selten ahmen Frauen am Arbeitsplatz das männliche Verhalten nach, um sich mehr Respekt zu verschaffen, sich durchzusetzen und Erfolg zu haben; auch ihnen dürfte der Preis nicht immer klar sein, den sie dafür zahlen.

Unser Verständnis von einer Gleichberechtigung am Arbeitsplatz lässt sich also nicht davon trennen, dass wir Arbeitsplätze in emotional und sozial förderliche Orte verwandeln müssen. Solange dies nicht geschieht, werden Männer und Frauen durch zwischenmenschlich unbefriedigende Arbeitsbedingungen auch in Zukunft in Selbstverleugnung, Suchtverhalten und chronische Erschöpfung getrieben. Machen wir uns diese Zusammenhänge deutlich, dann dürften auch heute viele Menschen erstaunt feststellen, wie stark zahlreiche Phänomen der heutigen Arbeitswelt auch ein Resultat der Geschlechterverständnisse sind und wie sehr Männer und Frauen darunter, wenn auch oftmals in unterschiedlicher Weise, leiden. Bell hooks argumentiert dafür, dass gerade Männer darum Phasen der Arbeitslosigkeit in Zukunft noch mehr als Chance und nicht als Bedrohung ihrer Männlichkeit sehen könnten:

Despite changes in the nature of gender roles, ours is still a patriarchal culture where sexism rules the day. If it were not so men could see periods of unemployment as timeouts where they could do the work of self-actualization, where they could do the work of healing. (hooks 2004: S. 101)

Würden sich Männer bewusster darüber werden, wie sehr das typisch männliche Verhältnis zur Arbeit ihrer Gesundheit und ihrem sozialen Wohlergehen schadet, sie dürften anderer Karriereentscheidungen treffen:

Imagine a nonpatriarchal culture where counseling was available to all men to help them find the work that they are best suited to, that they can do with joy. Imagine work settings that offer timeouts where workers can take classes in relational recovery and build a community of solidarity that, at least if it could not change the ardous, depressing nature of labor itself, could make the workplace more bearable. (…) Work can and should be life-enhancing for all men. When daring men come to work loved and loving, the nature of work will be transformed and the workplace will no longer demand that the hearts of men be broken to get the job done. (hooks 2004: S. 104f. )

Manchem mag bell hooks‘ Perspektive auf die Arbeitswelt etwas veraltet erscheinen. Trotz Verbesserungen der Arbeitsbedingungen halte ich ihre Analyse aber immer noch für zutreffend. Wir lesen oft von den schönen, neuen Arbeitswelten, die bei Google & Co. existieren (sollen), vergessen aber, dass wir es hier mit einem Elitendiskurs zu tun haben. Fraglos unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen branchen- und länderspezifisch deutlich. Für die meisten Männer und Frauen herrscht aber immer noch ein harsches Arbeitsklima, in dem Männer und Frauen körperlich und psychisch leiden. Hinter dem immer noch anzutreffenden journalistischen Bashing der sog. „Generation Y“ verbirgt sich ein neuer Kampf um bessere Arbeitsbedingungen. Mehr und mehr Menschen, die es sich leisten können, wollen bei der Arbeit kürzer treten, nehmen sich Auszeiten und blicken heute kritischer auf die Nachteile, die mit auspowernden Berufen und Positionen verbunden sind. Dabei wird in öffentlichen Debatten oft wenig Augenmerk darauf gelegt, dass es sich viele Menschen aufgrund schlechter Bezahlung gar nicht leisten können, für sich gesündere Entscheidungen zu treffen.

Angesichts der Tatsache, dass die Zukunft der Arbeit von Männern und Frauen gleichermaßen gestaltet sein wird, sollten wir uns klar machen: Geringere Arbeitszeiten bei gleicher Bezahlung und ein zwischenmenschlich wärmeres, weniger kompetetives Arbeitsklima sind keine Luxusforderung der jüngeren Generation, sondern notwendig für eine gerechte, gleichberechtigte und zukunftsfähige Gesellschaft.

Meine Auseinandersetzung mit bell hooks‘ Überlegungen zum Verhältnis von Arbeit und Männlichkeit hat mir noch klarer gemacht, dass ich mich dem Imperativ widersetzen will, der auch junge Menschen heute immer noch prägt: „Mach deinen Job, Mann!“ Gerade die besser ausgebildeten und vielfach privilegierten Menschen können sich am stärksten dafür einsetzen, dass wir Schluss machen mit einem Imperativ, der Leben zerstört.

 

Literatur

bell hooks: The Will to Change: Men, Masculinity, and Love (2004)

Victor J. Seidler: Rediscovering Masculinity: Reason, Language and Sexuality (1990)


Entdecke mehr von ringbahnlibellen

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar