Hartnäckig hält sich die Annahme, dass man mit bloßem Nichtstun nichts erreichen könne. Dementsprechend erscheint uns Nicht-Handeln in der Regel als unsouverän. Vorstellungen vom modernen Subjekt, von Männlichkeit und Macht sind an diese beschränkte Sicht auf das Souveräne geknüpft. Ja, selbst die Demokratie (immerhin gilt hier das Volk als der eigentliche Souverän) steht in Beziehung zu derartigen Fragen.
Statt gleich in diese (mindestens auf Aristoteles zurückgehende) Debatte über den Status des Nicht-Handelns reinzuspringen, will ich der heutigen Irritation zum Verhältnis von Souveränität und Handeln eine taoistische Formel zur Seite stellen. Dort nämlich galt gerade Nicht-Handeln als Ausdruck höchster Souveränität. Einer der beeindruckendsten Ratschläge des Taoismus an den Souverän lautete, er möge „nichts tun und nichts ungetan lassen“.
Auf den zweiten Teil des Ratschlags komme ich später zurück. Zuerst erstaunt uns doch, dass hier offenbar als souveränes Verhalten gilt, nichts zu tun. Manchem mag hier Melvilles Figur des „Bartleby“ in den Sinn kommen. Der Schreibgehilfe Bartleby (Achtung: Spoiler!) setzte in der gleichnamigen Novelle sein Leben für das Credo: „I would prefer not to“ aufs Spiel. Im Poststrukturalismus und Postanarchismus hat es dieses Credo über 100 Jahre später zu einer erstaunlichen Prominenz geschafft (1). Im Gefolge der Occupy-Bewegung hob man Bartleby 2011 gar auf den Thron.
Das ist gar nicht so unverständlich. Bartlebys Verweigerungshaltung ließ sich damals wie heute als Akt des Widerstands, gar als subversive Propaganda der Tat begreifen. Auch Herbert Marcuses Forderung nach einer „radikalen Weigerung“ scheint vor über 50 Jahren in diese Richtung gewiesen zu haben. Doch wohin führt diese (ausweglos, ohnmächtig wirkende) Forderung? Bei Melville jedenfalls führte sie den (armen?) Bartleby in den Hungertod. Dieses Ende erinnert uns daran, dass auch der Suizid durch Nahrungsverweigerung ein Widerstandsakt darstellt, für den es keine Entschuldigung braucht. Niemand muss krank, alt oder lebensmüde sein, um zu verschwinden. Im Falle Bartlebys stand diese Form der Verweigerungshaltung überdies in keinem erkennbaren Dienst einer höheren Sache, ob nun politisch oder spirituell gedacht.
Gleichwohl wirkt doch merkwürdig, dass in der heutigen Rezeption der Novelle das Motiv der Todessehnsucht so selten auftaucht. Viele scheinen von Bartlebys Ende auch noch gar nicht gehört zu haben; sie finden vielleicht einfach seinen „Slogan“ gut. Und wir müssen auch nicht so weit gehen, Melvilles Bartleby als Opfer (oder Täter?) des Todestriebs zu stilisieren, wir dürfen dieser (literarischen) Figur ihre Würde lassen, ihr Verhalten durchaus eine (auch psychologische) Souveränität zuzugestehen versuchen, auch wenn uns das (aus politischen oder spirituellen Gründen) vielleicht schwer fallen mag. Denn: Nicht zu _______________, ist ein vornehmes Recht.
Also, Melvilles Erzählung kann uns daran erinnern: Niemand ist gezwungen, zu _______________ . (Und niemand ist gezwungen, nicht zu _______________.) Offenkundig eignet sich Bartleby als Held für nahezu jede Lebensweise des Verzichts, sei dies nun Verzicht auf Drogen, Gewalt, das Leben oder eben: die Arbeit. Und doch griffen wir zu kurz, wenn wir in Bartlebys Haltung nur Verweigerung und Verzicht, nur Vernichtung und Verschwinden läsen.
Giorgio Agamben gehört zu jenen, die Bartlebys augenscheinliche Ohnmacht als eigentliche Form der Souveränität zu deuten versuchten. Ein Kerngedanke Agambens lautet: Potentialität ist wenigstens in zwei Modi zu denken. Zunächst denken wir bei einem Potential, einem Vermögen, an eine Möglichkeit, etwas zu tun oder etwas zu bewirken. Agamben weist auf den oftmals vergessenen Modus bzw. die Möglichkeit hin, nicht zu sein bzw. nicht zu wirken. Er geht sogar noch weiter: Potentialität lässt sich nur da behaupten und auffinden, wo es auch die Möglichkeit der Ohnmacht gibt.
Wem das schon etwas merkwürdig vorkommt, nehme sich nun in Acht: Vergleicht man nämlich diese beiden Modi des Möglichen, so Agamben, kommt eigentlich dem zweiten Modus die wichtigere Rolle zu. Damit das gleich konkreter wird, wenden wir sein Argument mal auf das Arbeiten an: Von der Möglichkeit zu arbeiten zu sprechen, macht mit Agamben nur Sinn, wenn es auch die Möglichkeit gibt, nicht zu arbeiten bzw. nicht arbeiten zu können. Sonst verböte sich die Rede von der Möglichkeit zu arbeiten. Denn wenn es keine Möglichkeit gibt, die Möglichkeit nicht zu realisieren, muss sie ja realisiert werden, wäre also keine Möglichkeit mehr. (Ja, der letzte Satz darf gerne zweimal gelesen werden.)
Gibt es also eine echte Möglichkeit zu arbeiten, bedeutet dies zugleich die Möglichkeit einer Unterlassung. Nur dann sind wir souverän. Nur dann wäre die Rede von einem Recht und nicht etwa einer Pflicht zur Arbeit gerechtfertigt.
Das heißt nun für die Frage nach der Arbeit: Gibt es ein souveränes Recht auf Arbeit, so muss es auch zwei Modi der Umsetzung dieses Rechts geben. Entweder der Souverän arbeitet – oder der Souverän arbeitet nicht. Es fällt schwer, in diesem Nicht-Arbeiten die Umsetzung einer Möglichkeit oder eines Rechts zu sehen. Und doch ist diese Möglichkeit wesentlich, um von einem Recht auf Arbeit zu sprechen.
Agamben geht – wie gesagt – weiter: In der Möglichkeit, etwas nicht zu tun, sieht er die Möglichkeit der Möglichkeit selbst ermöglicht. Hoppla. Das klingt nun nach philosophischem Purzelbaum. Was meint Agamben damit? Am Beispiel des Intellekts führt er dies so aus: „Thanks to this potentiality to not-think, thought can turn back to itself (to its pure potentiality) and be, at its apex, the thought of thought.“ (2)
In dieser Rückwendung der Möglichkeit zu ihrer eigenen Möglichkeit kommt es zu einem ursprünglichen Zusammenfall von Aktivität und Passivität: „In the potentiality that thinks itself, action and passion coincide“ (ebd.). Agamben sieht Melvilles Bartleby also als eine literarische Figur, die uns wieder zur puren Potentialität selbst zurückführt. Dass Bartlebys Handeln damit dann doch einen politischen Anspruch verkörpert, leuchtet zumindest vor Agambens argumentativem Hintergrund ein. Denn durch die Verweigerung Bartlebys, das zeigt Melvilles Novelle, setzt Bartleby sein Umfeld in Aufregung und bringt sie, zumindest ein wenig, zum Nachdenken.
Man wird den Verdacht nicht los, dass diese radikale Passivität also mehr ist denn bloßes Nichtstun. Und hier können wir uns nun noch einmal an die taoistische Formel für den Souverän erinnern: „nichts tun und nichts ungetan lassen“. In dieser Figur des Souveräns beginnt der Unterschied zwischen Aktivität und Passivität zu verschwimmen, ja, auch Ohnmacht scheint in Macht umzukippen und umgekehrt. Souveränität wird im Taoismus darum zu einer Figur, die hinter dem bloßen Vexierbild von Macht/Ohnmacht oder Aktivität/Passivität zu liegen scheint, eine Figur des Dritten gar. Und für diese Figur des Dritten ist es fast schon typisch, dass ihr subversives Potential in der Verwirrung liegt, die sie stiftet. Diese Verwirrung ist primär wohl die eigene Verwirrung, denn die taoistische Formel für den Herrschenden konfrontiert diesen doch mit einer radikalen Unentschiedenheit und Offenheit, die einen durchaus entnervt, bedrückt oder angeekelt zurückweichen lassen könnte. Es lohnt sich, noch einen Moment bei dem Gefühl zu verharren, dass diese Formel bei uns auszulösen vermag.
Die entscheidende Frage, die man dann Melvilles Figur stellen mag, lautet vielleicht: War er denn souverän? Hat er wirklich nichts ungetan lassen? Die gleiche Frage kann man auch den Occupy-Aktivist*innen stellen, die öffentlichen Raum besetzten, aber keine konkreten politischen Forderungen aufstellten. Ist schließlich Bartlebys „Ich möchte lieber nicht“ im politischen Raum wirklich ausreichend, um etwas zu erreichen? Handelt es sich dabei um eine modische Form der Kommunikations-Guerilla oder auch um eine wirksame Form des Aktivismus? Anders gefragt: Welche Wirkungen hat ein solches zur Schau gestelltes, öffentlich werdendes Nicht-Handeln auf die Gesellschaft?
Diese Frage stellt sich nicht nur philosophisch und politisch, sie stellt sich ganz lebensnah bei der Frage der Arbeit. Welche Wirkung hat es, wenn jemand nicht arbeitet? Ist der Arbeitslose ein Held radikaler Passivität, die das ominöse System durch Nichts-Tun zum Einstürzen bringt? Ist massenweise freiwillige Arbeitslosigkeit eine zeitgemäße Form des dauerhaften Generalstreiks? Oder einfach nur Selbstzerstörung? Wollen wir uns nicht in den Selbst-Widersprüchen aktivistischen Nichts-Tuns verlieren, müssen wir ein wenig über den Auslöser des vermeintlichen Paradoxes nachdenken. Wir müssen also über die sog. Passivität nachdenken und vielleicht lernen, darüber anders zu denken als dies in dem bloßen Gegensatz zur Aktivität möglich scheint.
Betrachten wir Passivität als bloße Abwesenheit von Aktivität, so haben wir noch wenig gewonnen. Erst wenn wir die ermöglichende Funktion der Passivität erkennen, kommen wir weiter. Es ist eine Sache, seine bereits gegebenen Möglichkeiten zu nutzen. Es ist eine andere Sache, neue Möglichkeiten zu ermöglichen. Sog. radikale Passivität entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein Schritt, vielleicht sogar als ein entscheidender Schritt, hin zu der Ermöglichung, die erst durch das Auslassen bestimmter (evtl. gar aller uns gegeben scheinenden) Möglichkeiten denkbar wird. Dynamisch gedacht, heißt das aber auch: Radikale Passivität ist immer wieder etwas anderes, man kann sich in ihr nicht einfach einrichten. Einmal radikal, immer radikal – das stimmt nicht. Und schon gar nicht heißt es, dass Passivität nun die neue Radikalität sein könnte.
Hinter der bloßen Rede von der radikalen Passivität liegt die Möglichkeit zu einem erweiterten Verständnis politischen Handelns verborgen, das sich nicht im bloßen Gegensatz von Handeln und Nicht-Handeln erschöpft. In der Tat handelt es sich hierbei um eine Form des Handelns qua Nicht-Handeln, um eine Form des Andershandeln. Will heißen: Handeln und Nicht-Handeln lassen sich hier nicht strikt unterscheiden. Und doch wäre es falsch, diese Unterscheidung einfach aufzugeben.
Es liegt also Souveränität darin, einfach mal nichts tun. Aber es gilt, vielleicht in einer vorsichtigen Synthese mit dem taoistischen Denken, auch die andere Seite nicht zu vergessen. Auch nichts tun kann nichts bewirken. Nichts tun, für sich genommen, kann auch bloß destruktiv sein, gar selbstzerstörerisch. Wer meint, dass nichts zu tun, für sich genommen, schon alles ist, der übersieht die andere Seite. Und hier kehre ich abermals zum Taoismus zurück, denn darin eben besteht diese Empfehlung an den Souverän: nichts tun und! nichts ungetan lassen.
PS: Ob souverän oder nicht, auch dieser Empfehlung müssen wir nicht folgen. Aus dieser Möglichkeit (auch diese Wahl ungewählt zu lassen) entspinnt sich allerdings eine ganz neue, schwindelerregende Debatte, die an dieser Stelle leider, leider nicht weiter verfolgt werden kann. ;)
Fußnoten
(1) vgl. etwa Sebastian Dörfler: An die Arbeit. Warum Bartleby sich selbst abschaffen müsste.
(2) Giorgio Agamben: The Comming Community, S. 36
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