Aufnahme startet …
Seit einigen Tagen beschäftige ich mich intensiver mit der Livestreaming-Plattform Twitch. Nicht, dass ich sie vorher nicht gekannt hätte. Gelegentlich war ich dort unterwegs, um meinem Lieblings-Schachstreamer The Big Greek zuzusehen, wie er online Schach zockt – ob gegen Großmeister, die eigene Community oder die Engine.
Spätestens seit Pandemiebeginn hat Twitch sich jedoch verändert. Mehr Menschen suchen den Austausch und möchten nicht nur zusehen, wenn jemand Strategiespiele oder Ego-Shooter online spielt, sondern beim Malen eines Bildes oder eben beim Arbeiten.
Coworking-Streams gab es schon länger, in Pandemiezeiten ersetzen sie für manche das Officegefühl. Diese moderierten Arbeitszeiten bestehen aus mehreren Arbeitseinheiten von bspw. 30 Minuten. In der Pause interagiert der Streamer oder die Streamerin mit der Community. Das können anfangs nur wenige Menschen sein, mancher wie bspw. Copeylius erreicht auf Twitch an einem normalen Montagmorgen aber bereits 300-400 Menschen, die ihm beim Arbeiten an seiner Doktorarbeit zusehen können.
Das Format motiviert. So manche fängt vielleicht nur mit der eigenen Arbeit an, wenn da schon jemand „vorarbeitet“. Aber das ist eben kein Vorgesetzter mehr. Ähnlich wie im Coworking-Space steht die gemeinsam arbeitende Community in einem fast hierarchiefreien Verhältnis. Hier gibt es nicht einmal so was Lästiges wie flache Hierarchien.
Der Coworking-Stream kombiniert die Stimmung in einer Bibliothek oder einem ruhigen Café mit einer vorgegebenen Arbeitszeitstruktur und ein bisschen Small Talk zwischendurch. Auch in Zukunft dürften solche Formate weiter an Beliebtheit gewinnen. Immer mehr Menschen arbeiten einen oder mehrere Tage zuhause. Viele sind damit zufrieden. Doch auf Dauer kann das ständige Selbstdisziplinieren auch anstrengen. Da kommen die Coworking-Streams gerade recht.
Noch interessanter wird es, wenn der Coworking-Stream Gleichgesinnte zusammenführt. Im englischsprachigen Raum sind in den letzten Jahren bspw. erste CoWriting-Streams entstanden. Hier finden Hobby-, aber auch Profi-Autor:innen zusammen. Gerade für Tätigkeitsprofile, die eher allein ausgeführt werden, ist das Streamen eine reizvolle Erweiterung.
Auch wenn derzeit niemand sagen kann, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln wird – mir scheint, wir können derzeit das Entstehen eines neuen Arbeits- und Kunstverständnis beobachten. Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt werden weiter voranschreiten. Die Gefahr der Vereinzelung mit all den daran geknüpften psychischen und sozialen Folgen könnte so gebannt werden.
Nicht weniger bedeutsam könnte das Coworking-Format für Künstler:innen werden. Was macht das etwa mit unserem Bild von Autor:innen, wenn sie ihre Romane im Live-Stream entstehen ließen? Wenn wir sie nicht nur mit Sicherheitsabstand beim Arbeiten beobachten könnten, sondern der Text, die Tippfehler, die Hängepartien und Korrekturschleifen live ins Netz gesendet würden?
Auf den ersten Blick scheint dies die Arbeit der Autor:innen zu profanisieren. Am Ende des Tages sind sie halt auch nur irgendwelche Homies, die am Rechner hocken. Doch zugleich werden die Zuschauer:innen eben in die Entstehung des Werks eingebunden. Sie können dann verfolgen, wie Schreiben wirklich aussieht. Werden wir es erleben, dass auch berühmte Autor:innen solch intimen Einblick in ihre Arbeitsweise gewähren? Sicherlich wird nur eine Minderheit von etablierten Autor:innen diesen Weg ausprobieren. Doch gerade für Newcomer – etwa im Selfpublishing-Sektor – besteht so die Chance, eine kleine Vorab-Leserschaft aufzubauen.
Was die Coworking-Formate für die Zukunft der Arbeitswelt und der Literatur bringen werden, wissen wir nicht. Mir scheint die Vorstellung, bei der Entstehung eines Romans dabei gewesen zu sein, reizvoll. Früher oder später werden wir vom ersten Bestseller hören, der live im Internet auf einer Streaming-Plattform entstanden ist. Und vermutlich wird die Community dabei zunehmend mehr Einfluss auf die Arbeit von Autor:innen gewinnen. Eine solche Einbindung der zukünftigen Leserschaft bietet ganz neue Herausforderungen, aber auch Gestaltungsmöglichkeiten für Autor:innen. Ich glaube, die Entstehung einer derart vernetzten Autor:innenschaft wird unser erzähltheoretisches Verständnis zum Verhältnis von Autor:in, Text und Leser:in durcheinanderwirbeln.
… es wird langsam Zeit, die Aufnahme zu beenden. Denn: ich habe den Entstehungsprozess dieses Textes (vorerst noch offline) aufgenommen. Für mich als Autor bietet das nicht zuletzt eine neue Möglichkeit, mir selbst über die Schulter zu blicken. Ob ich in Zukunft meinen Schreibprozess selbst in den Livestream stellen werde?
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