Wer schreibt, kennt es: die Suche nach der richtigen Form ist ein steter Begleiter. Ich weiß gar nicht, wie oft mir ein gutes Thema schon wie Sand durch die Hände geronnen ist, weil ich keine Form dafür fand. Am liebsten schreibe ich immer noch drauf los, egal ob es etwas Fiktionales oder Essayistisches wird. Und neige dazu, beim Schreiben von Einfall zu Einfall, bisweilen von Wort zu Wort zu driften.
Lilian Peter hat diesbezüglich kürzlich in der ZEIT-Kolumne „10 nach 8“ den deutschen Literaturbetrieb formaler Phantasielosigkeit bezichtigt: „Das ,Eigentliche‘, auf das alles hinauslaufen muss, ist der Roman, andere Textformen werden bestenfalls als Anhängsel, aber kaum als eigenständige schriftstellerische Positionen betrachtet.“1 Gegen die Herrschaft eines (patriarchalen) Erzähl- und Denkstils führt sie Ursula K. Le Guins „Tragetaschentheorie des Erzählens“ an, derzufolge der (erzählte) Text mehr als eine assoziative Sammlung denn als hermetisches Ganzes zu betrachten sei.
Liegt es also etwa an unsichtbaren Formzwängen, dass so viele der sprudeligen Textanfänge nicht fertig werden? Und wie sieht ein fertiger Text eigentlich aus? Der (digitale) Stapel der angefangenen, in Rohversion vorliegenden oder in Korrekturschleifen hängen gebliebenen Texten ist groß. Und doch, vieles bricht ab, noch weniger gebe ich frei.
Das ist keine Zufallsformulierung: Es geht mir um ein Freiheitsgefühl, nicht nur beim Schreiben und Überarbeiten, sondern auch beim Veröffentlichen. Aber was heißt das eigentlich: „veröffentlichen“?
Nachdem wir uns bestimmt drei Jahre lang nicht mehr gesehen hatten, saß ich neulich mit einem guten Freund vor einem Späti nahe der Ringbahn Schöneberg und wir rätselten: Ist unser Gespräch, zu zweit, auf dem Bierbänkchen vor dem Spätkauf schon Teil der Öffentlichkeit?
Jürgen Habermas hat kürzlich2 ein Essay veröffentlicht, in dem er den Einfluss der Digitalisierung auf die Öffentlichkeit (und nicht ganz nebenbei auf seine Theorie vom Strukturwandel eben jener Öffentlichkeit) diskutiert. Besonders ins Auge gestochen war mir seine Unterscheidung zwischen dem privaten bzw. halböffentlichen „Geräusch“ und dem öffentlichen „Gespräch“. Glauben wir Habermas, dann dürfte unsere Unterhaltung vor dem Späti also kein Teil der Öffentlichkeit gewesen sein, sondern bloß Geräusch. Ernsthaft?
Die Zunahme der (digitalen) Geräuschkulisse, so Habermas, sei ein Problem für die Öffentlichkeit. Ich fand an jenem Abend vor dem Spätkauf die Gegenthese plausibler: Wenn wir beide hier, Bier trinkend, plaudernd, argumentierend, unsere Gegenwart befragend, miteinander sprechen, dann ist das – keine Vorstufe, keine Übung – sondern formvollendete Öffentlichkeit. Meint: Es ist ein Beitrag zur Öffentlichkeit, der eine adäquate Form gefunden hat und nicht nur (aber auch!) ein Geräusch.
Vielleicht muss man Habermas‘ Argwohn gegen das Geräusch ein bisschen genauer betrachten. Laut Wikipedia kann vom Geräusch „eine psychische Störung ausgehen“. Und diese „Störwirkung eines Geräusches hängt in erster Linie davon ab, ob es erwünscht bzw. gewollt ist. So kann z. B. ein und dasselbe Geräusch als angenehm und erwünscht oder aber als störend empfunden werden.“3 Wenn Habermas die Öffentlichkeit vom digitalen Geplapper gestört sieht, dann hat das mit dem von ihm beklagten Verlust der Gatekeeper zu tun. Es gälte dann aber zurückzufragen: Wird die Öffentlichkeit von solchen Störungen wirklich bedroht? Oder bedarf die Öffentlichkeit nicht der Geräusche? Und sind Geräusch und Gespräch wirklich so leicht zu trennen?
Es ist wohl diese Angst vor dem Lärm, die nicht nur das Veröffentlichen, sondern auch das Schreiben hemmt, bisweilen erstickt. Es ist eine Angst, die selbst bei veröffentlichten Texten dazu führen kann, dass der Text stumm bleibt. Umgekehrt gibt es Geräusche, die für die Öffentlichkeit von größter Relevanz sind. Ja, bisweilen schaffen es wichtige Anliegen fast nur als solche Geräusche in die Öffentlichkeit.
„I can‘t breathe“ war vielleicht einer jener Sätze, der es bei einer klaren Trennung von Gespräch und Geräusch nie in die (amerikanische) Öffentlichkeit geschafft hätte. Es war kein elaborierter Beitrag zur Öffentlichkeit, sondern ein erstickter Todesschrei. Diese drei Wörter haben die amerikanische Öffentlichkeit mehr bewegt als es hunderte Aufsätze zum Thema „Rassismus“ vermocht hätten.
Schon von der bloßen Idee der Öffentlichkeit geht ein „Freiheitsversprechen“ aus, das mir noch fundamentaler für eine Demokratie erscheint als das aktive und passive Wahlrecht. Dieses Freiheitsversprechen, dieser Vorschuss auf eine bessere Zukunft, liegt ganz genau in der Möglichkeit, dass Geräusch und Gespräch nicht voneinander getrennt werden, dass nicht nur der formvollendete, redigierte und für veröffentlichenswert befundene Diskursbeitrag, sondern auch das Störgeräusch öffentlich werden dürfen und können.
Öffentlichkeit ist ein Erfahrungsraum. (Keine bloße Repräsentation!) Es gibt keine Erfahrung freier Öffentlichkeit ohne die Möglichkeit der Erprobung und ohne die Erfahrung kritischer Resonanz. Dass dieser Erfahrungsraum auch für Provokationen genutzt wird, ist Teil dieser Wahrheit. Aber welche Institution sollte entscheiden können, wo die Grenze zwischen Provokation (Geräusch) und Intervention (Gespräch) liegt?
Die Öffentlichkeit lebt vom Streit um solche Grenzen, sie lebt von dem immer wieder neu angefachten Sprechen über Grenzen, die bereits gezogen wurden. Öffentlichkeit hebt den Konsens wieder auf, sie ist eine Kultur des Dissens. Und zumindest hier stimmt Habermas mit aller Leidenschaft zu. Wer aber die Öffentlichkeit als Ort zur Dissenspflege versteht, der tut gut daran, das Austragen des Dissens nicht mit formalen Kriterien und Qualitätsstandards zu überfrachten. Nichts spricht gegen Form und Qualität, aber beiderlei kann Zwang und stille Zensur bedeuten.
Nicht das (störende) Geräusch, sondern die Furcht vor dem Dissens gehört heute zu den größten Bedrohungen der Öffentlichkeit. Oft fürchten gerade diejenigen den Dissens, deren Stimmen soundso ungehört bleiben. Und nicht selten geht diese Furcht so weit, dass Texte „unfertig“ bleiben, Ideen nicht aufgenommen werden und Gedanken ungedacht bleiben.
Das bringt mich auf meinen letzten Punkt. Gerade drängende Anliegen, neue Ideen und bislang unveröffentlichte Gedanken gehen denjenigen nahe, ja unter die Haut, die sie haben. Gerade das, was wir selbst erfahren und erkannt haben, bewegt uns mit besonderer Intensität. Das Nichtgehörtwordensein, das man oft für Ungeduld oder Übermut hält, spricht eben mit. Diese Intensität aber führt bisweilen dazu, dass wir auf die richtige Form nicht zu achten vermögen. Es ist gerade diese Intensität aber, die den elaborierten, formbewussten Beiträgen in der Öffentlichkeit abhanden kommen kann, die dann schmerzlich fehlt und die Öffentlichkeit verarmen lässt, weil es die Leute nicht mehr bewegt.
Wenn wir also die Trennung zwischen Gespräch und Geräusch auflockern wollen, müssen wir uns für eine Intensität öffnen, die aus den Diskursen gerne herausgehalten wird. Eine der vielleicht besten Beobachtungen in diesem Zusammenhang hat einst Adorno gemacht. Sein Satz in dieser Sache scheint mir bis heute maßgeblich: „Die Vorstellung eines leidenschaftlichen Menschen erscheint uns heute lächerlich.“4
Es liegt nicht am Text, wenn dieser in einer Sackgasse landet. Auch der unvollendete Text ist kein Geräusch. Die Öffentlichkeit zerfasert nicht aufgrund von Rechtschreibfehlern, sie versandet nicht aufgrund falsch gewählter Formen. Die Öffentlichkeit geht an unfertigen, leidenschaftlichen Texten nicht kaputt. Aber sie verarmt, wenn diese Texte nicht öffentlich werden. Sie wird unfrei, wenn Qualitätsstandards zu einem exkludierenden Zwang werden.
Wir müssen lernen, dem Geräusch, der Intensität und der Formschwäche mehr öffentlichen Raum zu billigen. Ich bin mir sicher, die Öffentlichkeit wartet auf diese unfertigen, lärmigen, leidenschaftlichen Texte.
Fußnoten
1 Lilian Peter: „Der Text als Beutel, nicht als Waffe“, aufgerufen auf https://www.zeit.de/kultur/2022-08/buchgenres-literatur-roman-10nach8/komplettansicht
2 Jürgen Habermas: „Überlegungen und Hypothesen zu einem erneuten Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit“, in: Seeliger/Sevignani (Hrsg.): „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit?“, Leviathan Sonderband 37, 2021
3 Vgl. Wikipedia-Eintrag „Geräusch“, abgerufen am 8. August 2022
4 Aus einem Gespräch zwischen Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Eugen Kogon für den Hessischen Rundfunk, gesendet am 4. September 1950. Abgedruckt in: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Band 13: Nachgelassene Schriften 1949-1972. Fischer, Frankfurt am Main 1989, S. 121–142. Audiodatei: https://ubu.com/sound/adorno.html bzw. https://www.youtube.com/watch?v=89o2VYn7MJc
Beitragsbild: „Glitch While Streaming“ (Michael Dziedzic), Nutzung gemäß Unsplash Licence, Quelle: https://unsplash.com/photos/0W4XLGITrHg
Entdecke mehr von ringbahnlibellen
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
