„Ich bin in Zeiten zersprungen, deren Ordnung ich nicht kenne“

In der wohl wichtigsten Umbruchsphase des Christentums, im Jahr 354, wird Augustinus in Thagaste, einer von Wäldern umgebenen Kleinstadt in der römischen Provinz „africa proconsularis“ (1), geboren. Als Sohn seiner christlichen Mutter Monnica (2) und des römischen Provinzbeamten Patricius (3) wächst Augustinus als romanisierter „Africani“ mehrsprachig (4) auf. Für die Geschichte des Christentums wird der Nachfahre von nordafrikanischen Nomaden später zu einem der wichtigsten Kirchenväter.

Hat man sich eine Weile lang mit seiner Zeit, seinem Leben und Werk beschäftigt, kann man sich darin verlieren wie in einem Escher-Gemälde. So kommt es, dass ich statt einer Woche fast zwei Monate recherchierte und recherchierte. Kursorischen Einblick bieten darum dieses Mal die glossarischen Fußnoten. Was mir widerfuhr, ist nicht ohne Ironie: Ganz am Anfang meiner Recherchen schon hatte ein Zitat aus Augustins „Bekenntnissen“ gestanden: „Ego in tempora dissilui, quorem ordinem nescio.“ – „Ich bin in Zeiten zersprungen, deren Ordnung ich nicht kenne.“ (5, 6). Der Satz ist Ausdruck einer großen Orientierungslosigkeit und wir werden im folgenden versuchen dem auf den Grund zu gehen.

Als der dreißigjährige Augustinus in Mailand an der Spitze seiner weltlichen Karriere angekommen ist und – wie Augustinus selbst schreibt – „Lügen“- Reden auf den 13-jährigen, weströmischen Kaiser (7) hält, gerät er in die tiefste Krise seines Lebens. In einer ihm selbst peinlichen Flucht hatte er sich dem Griff seiner Mutter entzogen und ein Schiff aus seiner Heimat nach Italien genommen. Ausgerechnet vor einem christlichen Altar hatte er die Mutter geparkt, war unter einem falschen Vorwand zum Hafen gegangen und hatte eingeschifft. Während der Wind in die Segel blies und Augustinus Kurs auf die italienische Küste nahm, weinte die Mutter um den verlorenen Sohn.

Für Monnica muss ihr Sohn Augustinus das Ein und Alles gewesen sein, ein vom Glauben Abgefallener, einer, der sich in die Arme einer einfachen Konkubine und der inzwischen verbotenen, aber einflussreichen Religion der Manichäer (8) geworfen hat. Sie tut beinahe alles, um ihren Sohn zu retten. Und Rettung heißt für sie: ihn zurück zum wahren christlichen Glauben führen. Die Tränen, die die Zurückgelassene um ihren Sohn weint, können nicht vergebens sein, tröstet sie der Priester. Und ja, sie träumt davon, dass er noch zu retten ist.

Die Netzwerke der Manichäer haben Augustinus nach Rom und im Herbst 384 nach Mailand ins Zentrum der römischen Macht gebracht (9). An ihren Lehren aber hat er längst zu zweifeln begonnen. Er hört Predigten des mächtigen christlichen Priester Ambrosius und wird im Laufe seiner Mailänder Zeit selbst Zeuge, wie dieser sich im Machtkampf gegenüber dem kindlichen Kaiser und dessen Mutter mehrfach durchsetzt (10). Hier in Mailand könnte Augustinus auch klar geworden sein, wie schwach das römische Reich im Innersten bereits geworden ist. Im Osten haben die Römer erst jüngst eine empfindliche Niederlage gegen die Germanen erlitten (11). In Britannien proben die Soldaten den Aufstand und wählen einen der Ihren zum weströmischen Kaiser (12). Schlimmer noch, der Ursurpator besiegt kaiserliche Truppen und der rechtmäßige, kindliche Kaiser muss hinnehmen, wie der Selbsternannte sich in seiner eigenen Geburtsstadt Trier eine Residenz einrichtet. Rom muss den falschen Kaiser tolerieren.

Wie sehr Augustinus diese Entwicklungen betroffen und beeindruckt haben, ist schwer zu sagen (13). Klar scheint, dass Augustinus sich von einer weltlichen Karriere innerlich bereits verabschiedet hat. Er bemerkt zusehends, wie er sich den philosophisch geprägten Predigten des Ambrosius nicht entziehen kann (14). Erst begeistert sich Augustinus nur für sein rhetorisches Geschick, nicht aber für den eigentlichen Glaubensinhalt einer Religion, deren einfache Sprache den eitlen Augustinus lange nicht begeistern konnte. Bald schon wird Augustinus die Wirkung der Rede nicht mehr von ihrem Inhalt zu trennen vermögen.

Seit seiner wilden Jahre in Karthago lebt Augustinus mit seiner Geliebten Flora und dem Sohn Adeodatus zusammen (15). Doch als schließlich die besorgte Mutter in Mailand vor der Tür steht, gelingt es ihr, den verunsicherten Augustinus von einer anständigen christlichen Ehe zu überzeugen. Das aber heißt: Flora wird verstoßen, der Sohn bleibt bei Augustinus (16). Für ihren geliebten Augustinus arrangiert die Mutter eine christliche Ehe. Da die Versprochene dummerweise noch zu jung ist, sucht sich Augustinus, der auf Sex nicht verzichten kann, in seiner Not eine neue Konkubine.

Augustinus befindet sich in miserablem Zustand. Immer noch trauert er der geliebten, verstoßenen Flora hinterher. Er ist hin- und hergerissen zwischen Lust, Liebeskummer und der Sehnsucht nach einem sinnvollen Leben. Augustinus wird krank. Im Garten eines Freundes bricht er schließlich zusammen. Hat er einen Nervenzusammenbruch? (17) Da hört er irgendwo aus der Umgebung die Stimme eines spielenden Kindes: „Tolle, lege“, ruft es, mehrfach. Nimm und lies! (18) Augustinus versteht dies als ein göttliches Zeichen und schlägt den Römerbrief des Apostel Paulus an einer wahllosen Stelle auf: „Lebt ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt den Herrn Jesus Christus an, und sorgt nicht so für euren Leib, daß die Begierden erwachen.“ (Römerbrief 13, 13-14) Es ist das wohl berühmteste Bibelorakel der Geschichte und wird zum Wendepunkt in seinem Leben. Augustinus weiß zwar noch nicht genau, worauf alles hinauslaufen wird, aber er ahnt die Richtung und wird sich und seinen Sohn bald taufen lassen (19).

Kurz darauf quittiert Augustinus den Staatsdienst, gibt den Beruf als Rhetorik-Lehrer auf und gründet mit Freunden eine Kommune (20), wo die Männer miteinander asketisch leben, lesen und über die Philosophie diskutieren wollen. Die ersten christlichen Schriften Augustinus‘ entstehen, wo er in Form von verschriftlichen, philosophischen Dialogen über das Glück und gegen die Akademiker anschreibt (21). Bald hält es die Freunde nicht mehr in Italien. Zusammen mit Augustinus und seiner Mutter wollen sie zurück in die Heimat. Die Überfahrt verzögert sich. Da vertraut seine Mutter ihrem Sohn an, sie habe nun alles erreicht, was sie zu erreichen noch gedachte. Ihr getaufter Sohn ist gerettet. Das Leben auf Erden hält nichts mehr für sie bereit. Kurz darauf erkrankt und stirbt sie. Noch auf dem Sterbebett hat sie erbeten, dass man sie vor Ort begraben soll und nicht mehr in der alten Heimat neben ihrem Mann.

Zurück in der Heimat führt Augustinus zunächst das klosterähnliche Leben fort und vertieft sich in seine philosophischen, christlichen Studien (22). Doch der Sog des Weltlichen wird stärker. Augustinus wird zum Hilfsbischof und wenige Jahre nach seinem Aufenthalt in Mailand ist er bereits Bischof des nordafrikanischen Hippo (23). In diesen ersten Amtsjahren entstehen seine „Bekenntnisse“. Sie sind vielerlei: die Erzählung der eigenen Bekehrung, vom Sünder zum Christen, dem großen Vorbild Paulus (24) nachempfunden, aber auch eine schöpfungstheologische Abhandlung über das Wesen der Zeit und – nicht zuletzt – eine Art Antrittsschrift, in der sich Augustinus gegen den Widerstand der nordafrikanischen Christen behaupten muss.

Seine katholische Kirche, in Mailand nahezu unangefochten, macht in der Provinz nämlich nur eine Minderheit aus. Die Donatisten hingegen vertreten nicht nur die nordafrikanische Mehrheit, sondern auch einen dezidiert anti-katholischen Kurs. Im Kampf der Donatisten gegen die Katholiken kommt nicht nur die anti-römische Haltung der Provinz zum Ausdruck, sondern auch ein innerchristlicher Streit. Nach dem Ende der massiven Christenverfolgungen (303 bis 313) durch den römischen Staat war es unter Konstantin zu einer schrittweisen Anerkennung gekommen, bis das Christentum 381 gar zur Staatsreligion avancieren sollte (25). Die Spielregeln für die verfolgte Religionsgemeinschaft hatten sich innerhalb von zwei Generationen radikal geändert.

Bei den nordafrikanischen Donatisten wird die Erinnerung an die Zeit der Verfolgungen wachgehalten: man ist nicht bereit, vom Glauben – und sei es unter Folter – Abgefallene so einfach zurück in die Kirche zu nehmen. Noch weniger akzeptabel aber sind katholische Bischöfe, die christliche Schriften an die Inquisitoren herausgegeben haben und weiterhin im Amt geblieben sind. Demgegenüber pocht die katholische Kirche auf die Einheit der Christen und die Wiederaufnahme der Abgefallenen. Nicht zuletzt liegt die Einheit der mächtig gewordenen Kirche inzwischen ja auch im Interesse des Römischen Reiches. Als Augustinus 396 zum Bischof geweiht wird, findet er diese Spaltung immer noch vor: In jeder Stadt, ja in jedem Dorf der Provinz gibt es zwei Bischöfe. Man spricht das gleiche Glaubensbekenntnis, hat „dieselben sakramentalen Formen und liturgischen Ordnungen“ und doch „zwei gegeneinander gesetzte Altäre.“ (Chadwick, S. 82) Aus Sicht der Donatisten sind die Katholiken nur Marionetten der römischen Regierung. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen, gerade auch gegen Bischöfe. Die Donatisten befinden sich im Heiligen Krieg mit ihren christlichen Brüdern und Schwestern.

So findet Augustinus bei Abfassung der „Bekenntnisse“ eine doppelte Spaltung vor: Sein eigenes Leben muss ihm gespalten erschienen sein in die Zeit vor und nach seiner Bekehrung. Und das Christentum seiner Heimat findet sich gespalten zwischen den auf die Reinheit der Gemeinde pochenden Donatisten und eine auf Einheit pochende katholische Kirche. Allein aufgrund seines früheren Lebenswandels wird Augustinus rasch zur Zielscheibe der Donatisten. Er repräsentiert die ganze katholische Bigotterie, gegen welche die Donatisten seit langem kämpfen. Unter „Bekennern“ verstand man damals jene, die sich unter schwersten Repressionen nicht vom Glauben abbringen ließen. Augustinus‘ „Bekenntnisse“ dürften den Donatisten schon vom Titel her wie eine Anmaßung geklungen haben.

Es ist diese mindestens doppelte Spaltung, die sich in der erzählerischen Konstruktion der augustinischen „Bekenntnisse“ und im Kern seiner eigenen Zeitphilosophie wiederfindet. Die Lebensbeichte des Augustinus und das psychologische, weltliche und theologische Ganze, in das sie eingefasst sind, bilden eine fast ausufernde Form ineinander geschachtelter, sich variierend wiederholender Motive der Spaltung. Es ist eine zum Bersten gespannte fraktale Struktur, mit der Augustinus nicht nur seiner Zeit und seiner Psyche, sondern auch der spätantiken conditio humana ein erstaunlich modernes Denkmal gesetzt hat.

Wir sollten uns Augustinus gleichwohl nicht als kühnen und kühlen Architekten einer solch vertrackten Schrift vorstellen. Die affektive und rationale Gespanntheit, die sich beim Lesen der augustinischen „Bekenntnisse“ noch heute einstellt, lässt eher einen Gärtner am Werk vermuten, bei dem sich – folgt man etwa der instruktiven Unterscheidung des Fantasy-Autors G.R.R. Martins (26) – aus einer Keimidee nach und nach ein Text entfaltet. Es sind die biographischen, historischen und sozialen Umstände, die den Keim für die Form der originellen Schrift gelegt haben. Der drängende Gehalt, der sich darin ausdrückt, markiert eine der eindrücklichsten Individual-Leistungen der Antike auf literarischem und philosophischem Gebiet. Die beinahe Unmöglichkeit der Durchführung seiner „Bekenntnisse“, die ja am Beispiel seines eigenen Werdegangs den Beweis anzutreten hatte, dass noch der größte Sünder der Gnade fähig ist, erklärt den die eigene Zeit überdauernden Charakter derselben.

Und so kommt den Bekenntnissen des Augustinus eine Aufgabe zu, die Paul Ricœur in seinen Analysen der 1980er Jahre für sämtliche erzählerische Werke (die fiktionalen wie die historischen) herausgestellt hat: Sie müssen Widersprüche aufheben, die eigentlich unhintergehbar sind (27). Paul Ricœur hat diese entscheidende Funktion der Erzählung am mutmaßlichen Herzstück der augustinischen „Bekenntnisse“ versucht zu begründen. In minutiöser Auslegung des 11. und 12. Buches legt er dar, wie Augustinus‘ Argumentation von einem skeptischen Einwand zum nächsten, wie auf einer gewundenen Treppe, allmählich voranschreitend, das Rätsel der Zeit zu lösen versucht. Ricœur kommt zu dem erstaunlichen Schluss, dass die Aporien, die Augustinus größtenteils der philosophischen Tradition von Aristoteles bis Plotin entnommen hat, bei Augustinus nicht einfach aufgelöst werden, sondern im Grunde auf jeder neuen Stufe der Argumentation als unhintergehbar widersprüchlich stehen bleiben.

Es ist sicher kein Zufall, dass gerade postmoderne Autoren (28) wie Derrida, Deleuze und Ricœur sich im Laufe der Zeit so stark Augustinus zuwandten. Während die moderne Philosophie sich nur wenig für diesen interessiert hatte, werden insbesondere die „Bekenntnisse“ für eine Philosophie interessant, die sich der Konstruktionsbedingungen eines erzählenden Philosophierens – oder je nach Lesart eines philosophierenden Erzählens – bewusst geworden ist. Ricœur scheint die wesentlichen inhaltlichen und formalen Aspekte der „Bekenntnisse“ darum in ihrer erzählerischen Herausforderung gesehen zu haben.

Die aporetische Anlage der „Bekenntnisse“ soll gleichwohl nicht darüber hinwegsehen lassen, dass Augustinus mehr getan hat als einen Irrgarten anzulegen. Seine „Bekenntnisse“ haben trotz ihrer geradezu postmodernen Ausgangslage zu einer geschlossenen Form gefunden. Diese formale Geschlossenheit ist keine rein erzählerische Funktion. Es ist die Zeitphilosophie des Augustinus selbst, in der die erzählerische Problematik sich gesteigert und verdichtet beobachten lässt. Augustinus erzählt uns die Geschichte seiner Umkehr gerade auch darum, weil sie in das Herzstück seiner philosophisch-theologischen Überlegungen führt.

Anders als die Forschung lange angenommen hat, war Augustinus kein Verfechter einer rein psychologischen Zeit. Vielmehr sucht Augustinus in seinen Bekenntnissen nach einem Weg, die kosmologische, d.h. messbare Zeit, mit der psychologischen, d.h. subjektiv erlebten Zeit, zusammenzudenken (29). Und um diese Kluft innerhalb der Zeitphilosophie zu schließen, bedarf Augustinus der theologischen Argumentation. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Augustinus das spätere scholastische Diktum zum Verhältnis von Glauben und Wissen vorweggenommen hat. Nicht erst bei Anselm, sondern schon bei Augustinus wird eine Erkenntnis ermöglichende Funktion des Glaubens herausgestellt. Und anders als bei Anselm hebt sie rhetorisch nicht auf das Ego, sondern das Wir der Gemeinde ab. Dieser bemerkenswerte Satz des Augustinus ist nicht nur eine innovative Synthese biblischer und philosophischer Quellen, sie hat auch die Geltung eines ganz eigentümlichen Glaubensbekenntnis: „Credimus, ut cognoscamus, non cognoscimus, ut credamus.“ – Wir glauben, um zu erkennen, nicht aber erkennen wir, um zu glauben. Denn der Glaube ist es, der hier als Stellvertreter des Unbedingten, zur augustinischen Lösung des Zeiträtsels herangezogen wird.

Weder die messbare Zeit noch die subjektiv erlebte Zeit, für sich genommen, lassen das Wesen der Zeit in seiner Ganzheit erfassen. Doch auch zusammen genommen bilden diese beiden so unvereinbar scheinenden Hälften der Zeit kein Ganzes. Erst in der theologischen Rahmung findet Augustinus die lösenden Worte. Sein „ego in tempora dissilui“ ist nicht nur das lebendige Zeugnis einer Zerrissenheit zwischen den eigenen Lebensphasen, es dokumentiert darin zugleich die Notwendigkeit von einer übergreifenden Einheit. Insofern ist seine Zeitphilosophie in einem sehr wörtlichen Sinne katholisch.

Das Ausmaß, in dem das eigene Leben sich als fragmentarisch, fraktal, zerrissen darstellt, wird bei Augustinus symptomatisch für die Nähe bzw. Ferne zu Gott. In dir, mein Geist, so schreibt Augustinus, messe ich die Zeiten. Was Augustinus uns anbietet, ist darum eine Einheit der messbaren Zeit und der erlebten Zeit in einem Geist, der sich je nach Zustand mehr als zerstreut oder als konzentriert erleben kann. Augustinus relativiert die Zeit dabei – anders als etwa Einstein – nicht inner-kosmologisch, sondern die drei Funktionen der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) werden selbst zu Aspekten einer andauernden, innerweltlich erlebbaren Ewigkeit (30).

Der Immanenz der Zeit stellt Augustinus darum eine Transzendenz der Zeit, d.i. die Ewigkeit, gegenüber. Nur im wechselseitigen Bezug lassen sich Zeit und Ewigkeit begreifen. Es ist dieses große Andere der Zeit, das gleichsam zur Erkenntnisbedingung der Zeit wird (31). Nicht zuletzt durch die Hinwendung zum neuplatonischen Logos war es Augustinus gelungen, das Zeiträtsel und die Aporien der Zeit als Phänomene eines gewissermaßen abgelenkten Geistes zu deuten. Die Einheit der Zeit und der Schöpfung soll, auch erkenntnistheoretisch, gerade gegen die Argumente der Skeptiker, die Augustinus lange beschäftigt haben, darin gefunden werden, dass Gott und Seele in einer personal erlebten Intimität (32) zusammenfinden. Die Zerrissenheit der Zeiten wird für Augustinus erst vor dem Hintergrund einer verloren gegangenen Einheit derselben in Gott verständlich. Der Glaubensakt ist demgemäß nicht als bloßes Postulat zu verstehen, sondern hat vielmehr den Charakter einer notwendigen Annahme, ohne welche sich kein Sinn in den Zerstreuungen der Zeit finden lässt.

Paul Ricœur hat diese sinnstiftende Aufgabe im Erzählerischen gesehen. Erst die Erzählung kann die an sich unaufhebbaren Widersprüche, die Lücken, das Sinndefizit aufheben, sei es in der Fiktion oder in der Geschichtsschreibung. Gerade in seinen Bekenntnissen tritt uns mit Augustinus darum nicht nur ein Philosoph und Theologe, sondern auch ein Erzähler gegenüber, der uns – vielleicht bis heute – etwas über die Zusammenhänge von Philosophie und Literatur verrät. Das zwischen den Zeiten zerrissene Ego ist immer auch eines, das eines anderen bedarf, in dem es seine eigene Form zu finden wagt und zu wahren vermag. (33)

Das Schlusswort in dieser Sache gleichwohl haben Augustinus‘ „Bekenntnisse“ nicht gehabt. Was ihm bei der eigenen Lebenserzählung – vielleicht – gelungen war, das scheint aus heutiger Perspektive bezogen auf die gemeinsame Sache der Christen gescheitert. Augustinus hat lange versucht in Predigten und Schriften, die Donatisten von der gemeinsamen katholischen Sache zu überzeugen. Vergeblich. Und so bediente sich der Bischof schließlich der römischen Macht, die auf die Seite der katholischen Kirche gewechselt war, um die donatistische Kirche zu zerschlagen (34). Es ist der Anfang der Ketzerverfolgungen. In seinen letzten Lebensjahren schließlich erlebt Augustinus es noch, wie germanische Truppen die nordafrikanische Provinz überrennen (35).

Dem nordafrikanischen Christentum, ohne das weder Augustinus noch die Anfänge der Patristik denkbar sind, sollte keine lange Zukunft mehr vergönnt sein. Nach einem kurzen Gastspiel der arianisch christianisierten Germanen und einer kurzen Rückkehr der Provinz unter römische Macht, sollte diese in den Wirren des zerfallenden weströmischen Reiches schließlich verloren gehen (36). Die Spuren der katholischen ebenso wie der unterdrückten donatistischen Christen in der Region verlieren sich schließlich im Zeitalter der mohammedanischen Eroberungen. Augustinus aber, der Nordafrikaner nomadischen Ursprungs, wird schließlich zum Stammvater einer katholischen Kirchenlehre auf weströmischem, europäischem Boden. Es scheint, als habe Augustinus‘ Mutter Recht behalten, als sie keinen Wert mehr darauf legte, in ihre nordafrikanische Heimat zurückzukehren.

Glossarische Fußnoten.

(1) Provinz. Augustinus wächst in „Africa“ auf, der im vierten Jahrhundert wahrscheinlich bedeutendsten römischen Provinz. Als Kornkammer Roms und aufgrund seiner hohen Steuereinnahmen ist sie für das schwächelnde Rom nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein wichtiger Machtfaktor. Das Gebiet der Provinz „africa proconsularis“ geht in seiner Ausdehnung im Wesentlichen auf das von den Römern unterworfene Karthagische Reich zurück und umfasst Gebiete des heutigen Tunesien, aber auch Teile Algeriens. Auf dem Gebiet des zerstörten Karthago liegt im 4. Jahrhundert die neu gegründete Hauptstadt der Provinz.

(2) Monnica. Augustinus‘ Mutter ist mutmaßlich Nachfahrin von Nomaden und hat die Sprache ihrer Vorfahren gesprochen und an Augustinus weitergegeben. Zugleich war sie selbst bereits getaufte, gläubige Christin. Die Karriere des Sohnes wird mit großem Ehrgeiz verfolgt, der Vater mehr geduldet als geliebt. Das Christentum spielte im Laufe der Jahre für Monnica eine immer größere Rolle. Für Augustinus ist sie die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben, was manche Kommentatoren zu dem Ausspruch veranlasste, er sei das größte Muttersöhnchen der Geschichte gewesen.

(3) Patricius. Der Vater ist ein Stadtrat in Thagaste. Dadurch hat die Familie das römische Bürgerrecht erworben. Selbst noch pagan, wird der Vater erst auf dem Totenbett getauft. Er ist ein lebenslustiger, cholerischer Ehemann und geht oft fremd. Patricius legt Wert auf die Bildung der Kinder. Augustinus‘ Verhältnis zum Vater wird allgemein als eher unterkühlt eingeschätzt. Von dessen Tod zeigte Augustinus sich in den „Bekenntnissen“ etwa wenig erschüttert. Vielmehr tadelt er diesen aufgrund seines heidnischen, treulosen Lebenswandels und seiner zu laxen Erziehung. Hätte man ihm, Augustinus, in der Jugend nur nicht so viel durchgehen lassen, klagt er später.

(4) Mehrsprachigkeit. Wir können davon ausgehen, dass Augustinus als Kind nicht nur das Lateinische gesprochen hat, sondern auch das Punische und das Altlibysche (bzw. Numidische). Zeitlebens hält er an der Mehrsprachigkeit fest. In seinen „Bekenntnissen“ bezeichnet er sich selbst als „Africani“. Latein mag für ihn bereits die Muttersprache gewesen sein. Aus seinen Kindheitserinnerungen wird gleichwohl deutlich, dass das Lateinische als Hochsprache gelernt wurde. Lieber als Lernen wollte der kleine Augustinus übrigens Ball spielen oder mit Holzspielzeugen römische Schlachten oder die Eroberung Trojas nachspielen. Besonders verhasst war dem Kleinen der Mathe-Unterricht, wie ein sehr lautmalerischer Satz in seinen „Bekenntnissen“ belegt: „Iam vero unum et unum duo, duo et duo quattuor odiosa cantio mihi erat“/„Schon war mir das Eins und eins sind zwei, das Zwei und zwei sind vier, zur verhaßten Leier geworden.“ (Augustinus: Bekenntnisse I, 14, 22)

(5) Übersetzung. „Ego in tempora dissilui, quorum ordinem nescio.“ (Augustinus: Bekenntnisse XI, 29, 39) Der Satz wurde in zahlreichen Varianten übersetzt, die die Deutungsvielfalt der Passage eindrücklich belegen. Otto Lachmann übersetzt so: „Ich aber bin dem Wechsel der Zeiten hingegeben, deren Ordnung mir unerforschlich ist.“ Dagegen Dieter Hattrup: „Ich bin in die Zeit hinein zersprungen, deren Ordnung ich nicht verstehe.“ Mit wesentlich versöhnlicher anmutender Auslegung übersetzte Alfred Hofmann: „Ich aber bin ganz aufgegangen in der Zeit, deren Ordnung ich nicht kenne.“ Bei Schulte-Klöcker: „Ich aber bin zersplittert in die Zeiten, deren Ordnung ich nicht kenne“. Google Translate gibt lustigerweise als Übersetzung an: „Ich bin in Zeiten abgedriftet, … bzw. Ich bin in die Zeiten gedriftet, …“ Obwohl das sicherlich nicht als korrekte Übersetzung durchgeht, illustriert es doch einige der Obertöne, die bei diesem Satz mitschwingen. Eine noch poetischere Lesart lässt bei dem Verb „dissilire“ auch an ein Zerfließen in den Zeiten denken.

(6) Hintergrund des Zitats. Das Zitat gehört nicht zu den bekanntesten Stellen der „Bekenntnisse“, hat mich aber beeindruckt, seit ich es vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal gelesen und im Rahmen meiner Dissertation behandelt habe. Ich sehe darin das vielleicht persönlichste Bekenntnis des Augustinus, auch wenn zugegeben werden muss, dass Augustinus darin einen Ausdruck der menschlichen Existenz insgesamt gesehen hat. Diese existentialistisch anmutende Einsicht ist es, vor deren Hintergrund die Bedeutung des Glaubens bei Augustinus m.E. seinen markanten Zug erhält.

(7) Der Kindkaiser. Biographisch betrachtet hatten Augustinus‘ Jahre des Suchens, der Bekehrung und des folgenden Rückzugs sich größtenteils mit der Regierungszeit Kaiser Valentinians II. gedeckt. Dieser wurde im Jahre 375 als Vierjähriger (!) in der dynastischen Nachfolge des Vater überraschend Kaiser im weströmischen Kernland, wozu neben Italien damals auch die nordafrikanischen Provinzen zählten. Valentinian II. wurde in Trier geboren und stand unter der Vormundschaft seines älteren Bruders Gratian (Kaiser der nordalpinen Provinzen) und wurde von Theodosius I. (Kaiser des oströmischen Reiches), Heermeistern wie Arbogast und seiner christlichen, aber arianischen Mutter gelenkt. Er sollte immer ein schwacher Kaiser, ja, im Grunde nur ein Spielball, bleiben. Im Machtkampf mit Bischof Ambrosius unterliegt er und flieht schlussendlich zu Theodosius in den oströmischen Teil des Reiches. Die Herrschaft des Kindkaisers endet 392, im Alter von 21 Jahren, mutmaßlich mit Selbstmord.

(8) Manichäer. Man übertreibt nicht, wenn man die Manichäer in der Spätantike als Weltreligion bezeichnet. Der vom Perser „Mani“ im 2. Jahrhundert begründete, eurasische Synkretismus aus zoroastrischen, christlichen und buddhistischen Elementen fand von China bis ins christianisierte Rom seine Anhänger. Die Religion unterliegt zur damaligen Zeit bereits einem Verbot, im Verborgenen hat der Manichäismus damals jedoch großen Einfluss gehabt und fungierte nicht zuletzt als politisches Netzwerk mächtiger Römer. Augustinus steht für neun Jahre unter manichäischem Einfluss und verdankt dem Netzwerk auch wesentliche Karriereschritte nach Rom und Mailand. Als begnadeter, überzeugender Redner bringt er bald auch Freunde mit auf die heimlichen Kulte der Manichäer. Die Glaubenssätze der Manichäer haben Augustinus ein Leben lang beschäftigt. Dem stark dualistischen Weltbild gemäß ist die Welt nicht nur ein Kampfplatz zwischen gut und böse, sondern die Schöpfung selbst ist das Gebräu eines bösen Schöpfergottes. Deren dämonischen Einflüssen versuchten die Manichäer durch magische Riten zu entkommen. Auch wenn Augustinus als Bischof die Religion in seinen Schriften scharf attackiert hatte, haben sich Versatzstücke des Manichäismus in seinem Denken gehalten und so auch in der christlichen Theologie Eingang gefunden.

(9) Mailand. Mailand hatte für das weströmische Christentum lange Zeit eine große Bedeutung. In den Mailänder Beschlüssen von 313 kommt es, unter Drängen Kaiser Konstantins, zur Einigung unter dem west- und oströmischen Kaiser. Die Christen erhalten nach der Verfolgung, die im oströmischen Reich ungleich härter erfolgt war, sämtliche christliche Besitztümer zurück. Die Christen werden fortan nicht nur toleriert, sondern die Freiheit der Christen soll explizit dem Wohl des Reiches dienen (vgl. Pietri & Pietri, S. 208). Während Westrom unter Konstantin an diesem Kurs festhält und Konstantin sich vom Heidentum immer deutlicher distanziert, neigt Ostrom unter Licinius gegen die christliche Sache. Gut zehn Jahre nach den Mailänder Beschlüssen besiegt Konstantin das oströmische Heer am Bosporus und lässt Licinius hinrichten. Konstantin ist nun Alleinherrscher und inszeniert sich in jüdischer Tradition als ein von Gott eingesetzter Anführer des Volkes (vgl. ebd., S. 215). Die Bedeutung Mailands wächst im Laufe des 4. Jahrhunderts, als wichtige nördliche Kaiserresidenz, Verwaltungszentrum und Bischofssitz, immer weiter. Nicht nur das neu gegründete Konstantinopel, sondern auch Mailand stehen für die sinkende Bedeutung der Stadt Rom im römischen Weltreich. Als Augustinus Ende des 4. Jahrhunderts nach Mailand geht, erlebt er eine weströmische Stadt, die eher die christliche Zukunft als die pagane Vergangenheit Roms repräsentiert.

(10) Der mächtige Ambrosius. Der Mailändische Bischof Ambrosius gehörte zu den mächtigsten und theologisch bedeutsamsten Bischöfen seiner Zeit. Seit der konstantinischen Wende hatten sich zwar Hierarchisierungstendenzen herausgebildet, die katholische Kirche hat aber noch nicht zu einer festen hierarchischen Struktur mit dem römischen Papst an der Spitze gefunden. Die Macht eines Bischofs hing wesentlich mehr als in späteren päpstlichen Zeiten vom persönlichen Amtsgeschick, rhetorischen Fähigkeiten und theologischen Fertigkeiten ab. Auf allen Gebieten brillierte Ambrosius, der zunächst eine weltliche Laufbahn im römischen Staat verfolgt hatte. Er muss einen enormen Eindruck auf Augustinus gemacht haben. Man übertreibt wohl nicht, wenn man sagt, ohne die Begegnung mit Ambrosius wäre Augustinus vielleicht ein skeptischer Philosoph geblieben. Während Augustinus sich in Mailand aufhält, erlebt er, wie sich Bischof Ambrosius mit Unterstützung großer Teile der Bevölkerung gegen den Kindkaiser Valentinian II. in religiösen Sachen derart durchsetzt, dass dessen Stellung vor Ort vollkommen desavouiert ist. Auch in späteren Auseinandersetzung mit dem ungleich mächtigeren Theodosius ging Ambrosius als Sieger hervor und erwirkte, dass der Kaiser die Bestrafung gewalttätig gewordener Christen (in einem der ersten anti-jüdischen Progrome) zurücknehmen musste. Schließlich setzt sich Ambrosius gegenüber Theodosius auch in einer anderen Streitfrage durch, indem er dem Kaiser die Kommunion verweigerte, bis dieser schließlich einlenkte.

(11) Niederlage. Das römische Heer unterlag in der Schlacht von Adrianopol (heutige Türkei) im Jahre 378 einer gotischen Armee und musste empfindliche Verluste hinnehmen. Auch Kaiser Valens stirbt in der Schlacht. In der Folge konnte sich ein germanischer Stamm zum ersten Mal auf dem römischen Gebiet behaupten. Viele Historiker:innen sehen hierin einen Vorboten der späteren Eroberung und Plünderung Roms. Isaak Asimov hat diese Niederlage in einer sehr gerafften Geschichtsdarstellung einmal auf ein interessantes Detail gelenkt: Die Verwendung von Steigbügeln, die es der gotischen Kavallerie erlaubt habe, bei ihren Angriffen fester im Sattel zu sitzen und die Speere im Ritt effektiver einzusetzen (vgl. Asimov, S. 89). Auch wenn diese technologische Erklärung die strategischen Aspekte der Schlacht wohl unterschätzt, hat Asimov nicht unrecht, dass die Niederlage bei Adrianopol eine wichtige Etappe auf dem Siegeszug der Kavallerie war.

(12) Der falsche Kaiser. Im Frühjahr 383 wählen die römischen Soldaten in der britannischen Provinz einen ihrer Offiziere, Magnus Maximus, zum Kaiser. Die letzten römischen Münzen in Britannien wurden auf ihn geprägt. Als Gratian sich mit der römischen Armee diesem bei Paris entgegenstellen will, laufen die Soldaten auf die Gegenseite über. Gratian wird auf der Flucht ermordet und Maximus bezieht seine Residenz in Trier. Für die folgenden fünf Jahre wird Maximus damit einer von mehreren weströmischen Kaisern. Als er seinen Machtbereich auch auf Italien ausdehnen will, marschiert Maximus gar nach Mailand und schlägt Valentinian II. in die Flucht. Erst das oströmische Heer unter Theodosius I. macht Maximus 388 ein Ende.

(13) Das Politische im Leben des Augustinus. Die sonst so beredten „Bekenntnisse“ lassen in dieser Frage nur indirekte Schlüsse zu. Das Studium als Rhetor, seine Tätigkeit als Anwalt und seine Tätigkeiten als Lehrer und Redenschreiber, sie alle haben Augustinus mit den politischen Spielregeln im römischen Großreich bekannt gemacht. Die Karrierechancen, die ihm der Manichäismus eröffnet hat, haben Augustinus außerdem fraglos klar gemacht, dass die Religionszugehörigkeit in Rom einen realen Einfluss hatte. Dass Augustinus später irdischen Staat und Gottesstaat getrennt wissen wollte, deutet durchaus auf den Wunsch nach einer Eindeutigkeit hin, die er – bei Lichte betrachtet – in seinem Leben anders erlebt hatte. Gerade sein Aufenthalt in Rom und Mailand dürfte hier prägend gewesen sein. Immerhin kommt Augustinus in seinen „Bekenntnissen“ ja auch kurz auf die Machtprobe zwischen Bischof Ambrosius und Kaiser Valentinian II. zu sprechen. Augustinus zeigt sich erschüttert und ergriffen von dem Aufeinanderprallen kaiserlicher und bischöflicher Macht. Mehr noch: von der Unterstützung des Volkes und dem Wagemut, mit dem Bischof und Volk sich den kaiserlichen Soldaten in den Weg stellten. Auch wenn Augustinus die Ereignisse rund um das Toleranzedikt zugunsten der Arianer (einer von den Katholiken bekämpften christlichen Sammelbezeichnung andersgläubiger Christen) nicht als Machtprobe verstanden haben dürfte, so erstaunt doch, wie wenig er in seinen Bekenntnissen darauf eingeht, dass der Konflikt ihn persönlich in eine Zwickmühle gebracht haben muss. Es erstaunt um so mehr, als Augustinus ja den Triumph des bewunderten Bischofs über den Kaiser und seine weltliche Macht miterlebt hat. Es ist schwer vorstellbar, dass Augustinus diese Ereignisse nicht als sicht- und greifbare Belege für die Macht des christlichen Gottes gedeutet haben soll. Im Grunde kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Augustinus während seiner Mailänder Zeit die Seiten gewechselt hatte. Denn es war Symmachus, der pagane Stadt-Präfekt, der Augustinus als Nichtchristen zur Unterstützung gegen den Einfluss des Ambrosius nach Mailand geholt hatte. Erst wenige Monate vor Augustins Ankunft war Symmachus im Streit um die Wiederaufstellung des paganen Victoria-Altars gegen Bischof Ambrosius unterlegen gewesen. Mir scheint die Deutung eines letztlich „unpolitischen“ Augustinus, wie Pfeilschifter (2017) ihn etwa beschrieben hat, insofern etwas zu einfach, allein schon insofern, als unser moderner Begriff des Politischen heute säkular verengt erscheint und darum gegenüber der entscheidenden Wendung des Augustinus erkenntnistheoretisch defizitär bleiben muss.

(14) Die neuplatonische Auslegung. Für Augustinus liegen das Neue Testament und die neuplatonischen Lehren nah beieinander. Es habe darum nur weniger Änderungen bedurft, um die Platoniker vom Glauben an Christus zu überzeugen. Vor allem die Predigten des Ambrosius haben Augustinus mit der neuplatonischen Auslegung, ja, mit der Notwendigkeit einer Auslegung der biblischen Schrift vertraut gemacht. Erst jetzt, wo Augustinus klar wird, dass die einfache Sprache nicht immer wörtlich zu verstehen ist, und dass gerade in der Einfachheit der Sprache ihre Stärke liegt, kann der philosophisch interessierte Augustinus sich für die Bibel erwärmen. Der Anfang des Johannes-Evangelium und hier die Identifikation Gottes mit dem Logos spielen für Augustins Christentum eine wichtige Rolle. Auch seine Hochschätzung einer platonisch verstandenen Mathematik, die Bedeutung der Gegenüberstellung des unvergänglichen Einen zum vergänglichen Vielen und die Möglichkeit der mystischen Verschmelzung mit dem Einen dürften vom Neuplatonismus herkommen. Nicht zuletzt baut Augustins Zeitphilosophie stark auf Plotins Verständnis der Zeit auf. Wann immer möglich, hat Augustin versucht, die biblische Autorität mit der neuplatonischen Philosophie zu vereinbaren.

(15) Die wilden Jahre. Als Augustinus 16, 17 Jahre alt ist, stirbt sein wichtigster Jugendfreund, bald darauf auch der Vater. Augustinus wird zum Studium der Rhetorik nach Karthago geschickt. Lebensekel und Todesangst nimmt Augustinus mit in die große Stadt. Zum Missfallen der Mutter ist Karthago ein „brodelnder Kessel“ sexueller Unzucht. Augustinus lebt sich aus. Im Studium der Redekunst trifft er auf eitle Kommilitonen und eine Art Mobbing-Kultur der älteren Studierenden gegenüber den Jüngeren. Die Stadt bietet der Lust an Dichtung, Theaterstücken und sexuellen Abenteuer reichlich Gelegenheit. Während Augustinus sich in Karthago die Nächte um die Ohren schlägt, wird das Christentum Staatsreligion. Im Rückblick betrachtet muss ihm Karthago wie das auferstandene biblische Babylon erschienen sein. Sein Geld verdient Augustinus in seinen 20er Jahren inzwischen selbst als Lehrer der Redekunst. Diese wird gebraucht: etwa bei Verteidigung vor Gericht. Er besucht häufig das Theater, nimmt an Dichterwettbewerben teil, rennt zu Wahrsagern. Bald sucht sich Augustinus aber eine Konkubine, Flora, der er für viele Jahre treu geblieben sein will. Aus der Liebschaft geht ein Kind hervor. Die Mutter missbilligt das unchristliche Leben. Als die junge Familie eine Zeit lang gar wieder in Augustinus‘ Heimatstadt lebt, und Augustinus versucht, die Mutter zum Manichäismus zu überreden, kommt es zum vorläufigen Bruch.

(16) Floras Schicksal. Wir wissen nur wenig über Flora. Als Jugendlicher las ich Jostein Gaarders beherzte Parteinahme für ihr verdrängtes Schicksal mit großem Interesse. Gaarder versorgt uns in seinem Buch „Vita brevis“ mit einer Reihe von fiktiven Briefen, die die enttäuschte Flora ihrem Geliebten nach ihrer Abservierung geschickt habe. Sie wirft ihm Heuchelei vor. Dass er sich dem Einfluss der Mutter ergeben habe. Früher hatte er in ihren Armen gelegen, nun sollte sein Herz nur noch für Gott pochen?! Die historische Flora verschwindet ganz hinter der Darstellung des Augustinus: Selbst ihr Name ist wohl nur ein Kosename gewesen. Die Subalternen der Spätantike konnten selten für sich sprechen. Floras schwieriger Status als Konkubine eines römischen Bürgers war nicht ungewöhnlich: Auf eine anständige Heirat konnte sie aufgrund ihres niederen Standes nicht hoffen. Dass Augustinus sie aber derart schändlich verstoßen sollte, dürfte sie dennoch sehr geschmerzt haben, denn selbst im christlichen Rom waren eheähnliche Verhältnis von Römern mit nicht-römischen Frauen noch toleriert. Nach ihrer Demission soll Flora zurück nach Nordafrika gegangen und keinen anderen Mann mehr genommen haben. (So will es jedenfalls Augustinus gewusst haben.) Eines erschüttert mich noch immer: Wäre Augustinus bei Flora geblieben, die Geschichte des Christentums wäre wohl anders verlaufen.

(17) Nervenzusammenbruch? Die Psyche des Augustinus gehört zu den best ausgeleuchteten der Antike. Das liegt nicht nur, aber doch stark an seinen „Bekenntnissen“, die einen ungewöhnlich intimen Einblick in das Seelenleben gewähren. Und auch wenn wir nicht alles glauben sollten, was Augustinus uns darin schreibt, so überraschen seine Bekenntnisse doch immer wieder mit erstaunlich offenherzigen, unvorteilhaften Geständnissen. Der Beichtcharakter des Werkes trägt viel dazu bei, dass wir es heute so vielseitig lesen können. „Leidenschaft, Gewissen und Ängstlichkeit“, hat etwa Bernhard Legewie als die Trias in der Persönlichkeit Augustinus‘ ausgemacht. Vor diesem Hintergrund versteht sich sein Leben als ein Suchprozess ebenso wie die starke Bedeutung, die das Verständnis von Sünde und Gnade bei Augustinus hatten. Folgt man etwa Legewies Ferndiagnose, so ging mit seiner Konversion und seinem öffentlichen Bekenntnis die „Forderung seines Kleinheitsgefühls“ (Legewie, S. 78) in Erfüllung. Legewie liest die Schrift denn auch als affektgeladene „Angstbeichte“, sodass „nur schwerstes inneres Ringen und Kämpfen diese gewaltige Erschütterung und Entladung und Entspannung verständlich machen kann.“ (Legewie, S. 79) Gleichwohl, wir dürfen uns Augustinus nicht als blinden Gefolgsmann seiner eigenen psychischen Regungen vorstellen. Vielmehr besaß er ein starkes Gespür für die Tiefen der Psyche. Seine Skepsis gegenüber allzu geschliffenen, rein rationalen Argumenten ruhte auch daher, dass er die Seele des Menschen für unergründlich hielt. In der Vorstellung, dass zumindest Gott in der Lage sei, in die tiefsten Schichten der Seele zu blicken, zu denen der Mensch selbst keinen Zugang hat, liegt der Keim zu einer erstaunlich modernen Tiefenpsychologie.

(18) Die Bekehrungsszene. Es ist nicht der erste Feigenbaum, unter dem es zu einer Bekehrung gekommen sein soll. Das Motiv war in der gesamten eurasischen Antike beliebt. Buddha soll unter einem Feigenbaum zur Erleuchtung gefunden haben. Es spricht viel dafür, dass Augustinus den Feigenbaum für die Bekehrungsszene gewählt hat und damit auf die Befreiung von den Fesseln der sexuellen Begierde verwiesen hat, die ja auch in dem erwähnten Paulus-Zitat zum Ausdruck gekommen ist. Die Bekehrungsszene belegt auch eine These Bruce Chadwicks: „Augustin verstand seine eigene Geschichte als einen Mikrokosmos der ganzen Schöpfungsgeschichte“ (Chadwick, S. 74) Ähnlich wie Augustinus Kindheitsszenen im Sinne der Vertreibung aus dem Paradies dargestellt hat, können wir die Bekehrungsszene im Garten als die Vorwegnahme einer Rückkehr Augustins ins Paradies deuten. Die Bekehrungsszene geht insofern mit einer metaphysischen Abwertung der fleischlichen Libido einher.

(19) Taufe. Zur Zeit Augustinus‘ war die Kindstaufe noch ungewöhnlich. Nur in Notfällen wurde sie vorgenommen. Ihre Funktion bestand nicht nur in der Vergebung aller bisherigen Sünden, sondern auch in der Befreiung von Dämonen, vor denen der spätantike Mensch sich fast überall im römischen Reich fürchtete.

(20) Die Kommune. Die Kommune in Cassiciacum ist eine kurze, doch wichtige Episode im Leben Augustinus‘. Augustinus und seine Freunde warfen ihren gesamten Besitz zusammen und lebten zusammen für einige Monate in einem Landhaus. Dort beschäftigte sich Augustinus mit skeptischen, neuplatonischen und biblischen Schriften. Aus gemeinsamen Gesprächen der Freunde gingen seine ersten dialogischen Schriften hervor. Augustinus erprobt hier die Synthese aus biblischer Autorität und philosophischer Vernunft. Die Jahre später geschriebenen Bekenntnisse wären ohne die Studien in Cassiciacum nicht denkbar.

(21) Gegen die Akademiker. Diese frühe Schrift des Augustinus, noch vor seiner Taufe verfasst, markiert die inhaltliche Überwindung der skeptischen Lehren, welchen Augustinus über Cicero zuerst begegnet war. Hier finden sich Anklänge einer Argumentation, die in Descartes‘ „Mediationen“ so berühmt geworden sind. Ähnlich wie später Descartes verwickelt er das skeptische Argument in eine Art Selbstwiderspruch. Die erkenntnis-skeptische Position der Akademiker wird von Augustinus als unhaltbar herausgestellt. Zugleich macht sie aber auch die Notwendigkeit deutlich, eine jenseits der Vernunft liegende Autorität zu finden, die sich dem nagenden Zweifel des Skepsis entgegenstellt.

(22) Kloster. Man darf Augustinus wohl Glauben schenken, dass er nach seiner Rückkehr in die Heimat ein zurückgezogenes Leben leben wollte. Kurz nach seiner Mutter war auch noch sein Sohn gestorben. Die weltlichen Bezüge hatte Augustinus fast gänzlich verloren. Mit der Gründung einer klosterähnlichen Lebensform in Thagaste glaubte Augustinus zunächst, seinen endgültigen Weg gefunden zu haben. Zur damaligen Zeit kamen zwei Formen des christlichen Rückzugs aus dem Weltlichen auf: das Dasein als Eremit – und das Leben in einer asketischen Gemeinschaft. Augustinus hatte letztere gewählt, zog aber auch den Rückzug in die völlige Einsamkeit in Erwägung. Die Zeit des Rückzugs währte jedoch nicht sehr lange. Bald schon erregte Augustinus Aufmerksamkeit. Als absehbar wurde, dass in Hippo Regius ein neuer Bischof gebraucht wurde, dachte man bald schon an Augustinus.

(23) Bischofsamt. Augustinus war ab 396 bis zu seinem Tod Bischof von Hippo Regius. Die bekanntesten seiner Schriften entstanden in dieser Zeit. Trotz all der weltlichen Umbrüche und dem sichtlichen Zerfall des weströmischen Reiches in der zweiten Lebenshälfte Augustinus‘ hat sich die politische Situation in Nordafrika für diesen vergleichsweise ruhig gestaltet. Pfeilschifter sieht hierin fast eine Ironie der Geschichte: „Effizienz und Effektivität des Imperium Romanum sicherten einem afrikanischen Denker einen Freiraum, den er zum Entwurf eines Ordnungsmodells nutzte, das ohne dieses Imperium auskam. So schuf Augustinus eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß die lateinische Kirche recht unbeschadet den Untergang dieses Imperiums überlebte.“ (Pfeilschifter, S. 14)

(24) Paulus. Nicht zufällig ist es eine Stelle aus den Paulusbriefen und nicht etwa aus einem der Evangelien, die Augustinus bekehrt. In der paulinischen Umkehr findet Augustinus schließlich auch die Leitmetapher für seine eigene Biographie. Ähnlich wie Paulus betrachtete auch Augustinus sich als von Gott erwählt und begnadigt.

(25) Von der Christenverfolgung zur Staatskirche. Ab 303 kam es unter Kaiser Diokletian zu einer systematischen Verfolgung von Christen und Manichäern. Gottesdienste wurden verboten, christliche Schriften verbrannt und christliche Staatsbeamte inhaftiert. Bischöfe und Gemeindevorsteher wurden unter Folter gezwungen, von ihrem Glauben abzurücken. Die Verweigerung des Kaiseropfers stand gar unter Todesstrafe. Als das katholische Christentum 381 unter Kaiser Theodosius I. zur Staatsreligion erhoben wird, führt dies nicht unmittelbar zur Verfolgung Andersgläubiger. Zwar unterlagen andere (auch christliche) Konfessionen fortan der Repression, vielfach blieb es jedoch zunächst bei der Drohung (vgl. Demandt, S. 158 f.). Dennoch verschärft sich die Situation für Nichtchristen in der Folge immer mehr. Pagane Kulte werden aus dem öffentlichen Leben mehr und mehr zurückgedrängt und auch innerhalb des Christentums wird der Kampf um die richtige Auslegung immer zentraler. Dass sich die katholische Lehre schließlich durchsetzen wird, ist zu Lebzeiten Augustins nicht ausgemacht. In gewisser Weise geht die katholische Kirche sogar als Erbe des untergehenden weströmischen Reiches hervor. Gerade die Geschichte der kirchlichen Institution ist ohne die christlich-römische Synthese nicht zu begreifen.

(26) Gärtner und Architekten. G.R.R. Martin, Autor der weiterhin unvollendeten Fantasy-Reihe „A Song of Ice and Fire“ hierzu: „I think there are two types of writers, the architects and the gardeners. The architects plan everything ahead of time, like an architect building a house. They know how many rooms are going to be in the house, what kind of roof they’re going to have, where the wires are going to run, what kind of plumbing there’s going to be. They have the whole thing designed and blueprinted out before they even nail the first board up. The gardeners dig a hole, drop in a seed and water it. They kind of know what seed it is, they know if planted a fantasy seed or mystery seed or whatever. But as the plant comes up and they water it, they don’t know how many branches it’s going to have, they find out as it grows.“ (Link zum Interview)

(27) Ricœurs narratologische Leitthese. Ricœurs Argument, dass die erzählenden Formen wettmachen, ja, heilen müssen, was die schiere Logik und Wissenschaft nicht vermag, nämlich die Aporien der Zeit zu lösen, lässt sich durchaus als säkularisierte Variante auf das augustinische Credo interpretieren. Wo die Menschen früher glaubten, um zu erkennen, erzählen wir heute, um zu verstehen. Ricœurs postmoderne Erzähltheorie trägt so ein selten bemerktes, theologisch-philosophisches Erbe in sich. Seine Leitthese lautet, dass „die Spekulation über die Zeit eine nichtabschließende Grübelei ist, auf die nur das Erzählen eine Antwort gibt. […] Nicht in einem theoretischen, nur in einem poetischen Sinne des Wortes löst es [das Erzählen] sie [die Aporie] auf.“ (Ricœur, Band 1, S. 17)

(28) Das erstaunliche Interesse der postmodernen alten Männer. Über die Rezeption des Augustinus im Spätwerk mehrerer postmoderner Säulenheiliger ließen sich selbst mehrere Bücher füllen. Derrida hatte eine ganz besondere Beziehung zu Augustinus. Er erkannte in diesem fast so etwas wie einen Bruder im Geiste. Ein Philosoph, der das postmoderne Interesse im 20. Jahrhundert noch vorweg genommen hat, ist sicherlich Wittgenstein. Seine „Philosophischen Untersuchungen“ beginnen gar mit einem Augustinus-Zitat.

(29) Kosmologische und psychologische Zeit. Charlotte Gross sieht bei Augustinus, stärker noch als Ricœur, den Versuch, zwei Zeitkonzeptionen zusammenzudenken. Obwohl Augustinus vom neuplatonischen Erbe herkommend die Zeit gegenüber der Ewigkeit als Ausdruck des Vielen abwertet, spielt die Zeit, gerade in ihrer Zerspanntheit, eine zentrale Funktion bei der Rückführung des Suchenden zum Einen hin. Und seine Abkehr vom manichäischen Denken bedingt auch, dass die Zeitlichkeit nicht einfach Ausdruck einer schlechten Schöpfung sein kann, sondern als von Gott geschaffene Zeit Teil des göttlichen Plans sein muss. Es ist insofern die schöpfungstheologische Intention, die Augustinus (a) zu einer Aufwertung der Zeitlichkeit geführt hat und ihn (b) davor bewahrt, einen bloßen Psychologismus der Zeit anzunehmen. Vielmehr hat Augustinus Zeitlichkeit und Geschöpflichkeit enger aneinander gebunden als viele Denker vor ihm. Charlotte Gross hat gezeigt, dass etwa die Erfahrung der Musik bei Augustinus zu einer intensiven Erfahrung der Zeit selbst umgedeutet wurde. Geschaffene und erlebte Zeit gehen in der Musik ineinander über. In diesen Verbindungen von Zeit und Kreatur liegt bei Augustinus darum der Keim für eine Aufwertung der Zeitlichkeit, die selbst für die heutigen Naturwissenschaften eine bleibende Herausforderung darstellt. Gerade die modernen Schritte hin zu einer Temporalisierung ontologischer Kategorien, etwa bei Darwin, folgen einer Spur, die in der augustinischen Transformation des Zeitverständnisses angelegt ist.

(30) Drei Zeiten in einer. Augustinus deutet die drei Erscheinungsformen der Zeit, also Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, im Sinne einer Ausdehnung (distentio). Hierzu bemerkt Ricœur treffend: „Zu denken bleibt also die dreifache Gegenwart als Ausdehnung und die Ausdehnung als diejenige der dreifachen Gegenwart. Das ist der geniale Gedanke des Elften Buches der Bekenntnisse des Augustinus, an den Husserl, Heidegger und Merleau-Ponty anknüpfen.“ (Ricœur, Band 1, S. 32) In diesem Kontext weist Ricœur auch darauf hin, dass die plurale Erscheinungsform der Zeit nicht nur ein passiver Eindruck ist, der in uns hinterlassen wird. „Dem Begriff der distentio animi ist man nicht gerecht geworden, solange man nicht die Passivität des Eindrucks in Gegensatz zur Aktivität eines Geistes gesetzt hat, der nach verschiedenen Richtungen, zwischen Erwartung, Erinnerung und Aufmerksamkeit gespannt ist. Nur ein derart in verschiedenen Richtungen gespannter Geist ist der Zerspannung (distentio) fähig.“ (ebd., S. 35) Die passive und die aktive Seite der Zeitwahrnehmung stehen darum in einem sich wechselseitig bedingenden Verhältnis.

(31) Das große Andere der Zeit. Obwohl Augustinus die Ewigkeit gegen die gewöhnliche Zeit abhebt, darf nicht vergessen werden, dass Augustinus eine strikte Trennung der beiden Zeitmodi unterwandert. Wichtig für das Verständnis der Zeit bei Augustinus ist ja, dass eben ein Hauch solcher Ewigkeit ins Diesseits geholt wird. Denn auch wenn das irdische Leben nicht das ewige Leben ist, so ist doch ein Vorgeschmack auf eben dieses ewige Leben möglich. Das heißt aber, die „andere Zeit“, wie Ricœur sie nennt, ist im Diesseits, in der Nähe zu Gott, durchaus erfahr- und genießbar. Hierzu Ricœur: „Zweifellos mußte man sich zum Anderen der Zeit bekennen, um der menschlichen Zeitlichkeit voll gerecht werden zu können und um sich nicht ihre Aufhebung, sondern ihre Vertiefung, ihre Stufung, ihre Entfaltung nach immer weniger ,geteilten‘ und immer mehr ,mit ganzem Herzen strebenden‘ Ebenen der Verzeitlichung zum Ziel zu setzen“. (Ricœur, Band 1, S. 53)

(32) Personale Intimität. In dieser Möglichkeit der Nähe der Seele zu Gott findet sich einerseits ein plotinisches Erbe, andererseits wird dieses christlich transformiert: von der plotinischen Weltseele auf die christliche Individualseele. Jüdisches und neuplatonisches Denken werden so bei Augustinus zu einem Gott-Mensch-Verhältnis umgebildet, das einen Dialog zwischen Mensch und Gott ebenso kennt wie es den Dialog zwischen Menschen als Teilhabe an Gott umdeutet. Das dialogische Motiv korrespondiert mit einer Intimität zwischen Gott und dem Gläubigen, die zu einem teilweisen Bruch mit antiken Glaubensvorstellung geführt hat. Der einzelne, einfache Gläubige wird so aufgewertet und das Verhältnis des einzelnen zu Gott bedeutsamer. Die dadurch entstehende Spannung zwischen dem einzelnen Gläubigen und der Glaubensgemeinschaft hat die Geschichte des Christentums entscheidend geprägt und ihre eigene Säkularisierung durchaus überdauert.

(33) Die narratologische Umdeutung. Ricœur zieht u. a. aus Augustinus seine allgemeine These, dass „die Poetik der Narrativität der Aporetik der Zeitlichkeit zugleich antwortet und entspricht“ (Ricœur, Band 1, S. 131). Ricœur zufolge scheitert die Lösung des Augustinus daran, dass die Ausgedehntheit der Zeit sich nicht alleine auf Geist und Seele zurückführen lasse, sondern eben doch stärker kosmologisch zu erklären sei. Er sieht in seiner narratologischen Deutung so mutmaßlich eine Verallgemeinerung der augustinischen Strategie: „Die Aporie der Zeitlichkeit, auf die die narrative Operation auf verschiedene Weise antwortet, besteht genau in der Schwierigkeit, die es macht, beide Enden der Kette festzuhalten: die Zeit der Seele und die Zeit der Welt.“ (Ricœur, Band 3, S. 19) Für Ricœur antwortet die Erzählung auf die Unerforschlichkeit der Zeit, in dieser sind zugleich die Grenzen des Erzählens markiert. Eine reine Repräsentation der Zeit müsse eben darum scheitern. Die Erzählung wird bei Ricœur vielmehr zum „Hüter der Zeit“ (ebd., S. 389). Ohne die erzählte Zeit gebe es auch keine gedachte Zeit (ebd.).

(34) Zerschlagung der donatistischen Kirche. Augustinus spielte bei der Zerschlagung der donatistischen Kirche eine nicht unproblematische Rolle. Auch wenn er sich gegen die schärfsten Maßnahmen (Todesstrafe) ausspricht, hat er sich doch vielfach auf die römischen Erlasse verlassen können. Mit seiner Legitimation von Zwangsmaßnahmen gegenüber Häretikern wird er vielleicht nicht zum Wegbereiter späterer Gräuel, aber doch zu einem beliebten Stichwortgeber. Am Beispiel Augustins sieht man darum auch, dass es dem katholischen Christentum letztlich nicht gelungen ist, seine Sicht der Dinge auf dem Weg der Überzeugung zu vermitteln. Die ideelle Autorität der Heiligen Schrift war nicht frei davon, durch letztlich weltliche Autorität gestützt zu werden. Die hierin liegende Inkonsequenz der eigenen Position dürfte Augustinus nicht entgangen sein. Auch darum hat er versucht, seine Richtungsänderung mit Hilfe biblischer Zitate zu belegen. Die Auslegungskunst, die hier zum Einsatz kommt, gehört nicht zu den Glanzstücken seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Im Übrigen war die Zerschlagung der donatistischen Kirche nur zum Teil erfolgreich. Vielfach dürften die Donatisten im Verborgenen weiter agiert haben. Nach dem Einfall der Vandalen und Augustins Tod hat der donatistische Glaube zumindest teilweise fortgelebt und es ist keinesfalls auszuschließen, dass dieser auch im Zuge der späteren Islamisierung teilweise in die islamische Tradition eingeflossen ist.

(35) Die letzten Lebensjahre. Augustinus‘ Leben als Bischof war von zahlreichen Pflichten geprägt. Dennoch hat er während dieser Zeit ein umfangreiches Werk verfasst, sich in zahlreichen theologischen Fragen Nordafrikas engagiert. Nahe des Bischofssitzes konnte Augustinus zudem weiterhin in einer Gemeinschaft mit Laienmönchen leben. Auf die einfach und nicht zu streng gehaltenen Regeln für das Zusammenleben berufen sich die Augustinermönche bis heute. Spätestens mit der Eroberung Roms durch die Goten dürfte auch Augustinus die Schwäche des römischen Reiches bewusst geworden sein, unter dessen Schutz die katholische Kirche inzwischen ja stand. Und so hat die Plünderung Roms 410 Augustinus wie viele Christen geschockt, weil man in Rom, dem ehemaligen Erzfeind der Christen, doch immerhin den letzten irdischen Gegner gesehen hatte. Augustinus‘ zweites Hauptwerk („Der Gottesstaat“) ist denn auch in Reaktion auf die Ereignisse hin geschrieben worden. Dass er dazu kam, lag auch daran, dass die westgotischen Krieger nicht genügend Schiffe vorfanden, um von Sizilien nach Nordafrika überzusetzen (vgl. Demandt, S. 179). Als 429 die ihrerseits vertriebenen Vandalen unter Geiserich über Spanien nach Nordafrika zogen, muss sich auch in Nordafrika so etwas wie Endzeitstimmung unter den Christen breitgemacht haben. Nach und nach eroberten die Vandalen die nordafrikanischen Provinzen. 430 standen sie vor den Toren Hippos. Augustinus starb vor Einnahme der Stadt an hohem Fieber.

(36) Das Ende der nordafrikanischen Provinzen. Nach der Eroberung Nordafrikas durch die Vandalen zog zunächst das arianische Christentum ein, teilweise wohl mit donatistischer Unterstützung. Die Rückeroberung durch Justinian hat noch einmal zu einer kurzen Reintegration der Provinzen unter oströmische Herrschaft geführt. Zwischen 663 und 703 fielen die Gebiete schrittweise an die Araber und wurden islamisiert. Das Beispiel der nomadischen Völker in der Region zeigt, dass diese – wie schon zu Zeiten Augustins – ihre Sprache gegenüber den wechselnden Eroberern bis zum heutigen Tage behaupteten.

Verwendete Literatur.

– Isaak Asimov: „The march of the millennia“, Walker and Company, 1991.

– Augustinus: „Bekenntnisse“

– Augustinus: „Gegen die Akademiker“

– Peter Brown: „The world of late antiquity“, 1971/1989.

– Henry Chadwick: „Augustin“, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987.

– Alexander Demandt: „Die Spätantike“, Neuauflage, C. H. Beck, München 2007.

– Jostein Gaarder: Das Leben ist kurz. Vita brevis. Dtv, München 2005

– Charlotte Gross: „Augustine’s Ambivalence About Temporality: His Two Accounts of Time“, in: Medieval Philosophy and Theology 8.2 (1999): 129-148.

– Bernhard Legewie: „Augustinus – Eine Psychographie“. De Gruyter, 1925.

– Rene Pfeilschifter: „Augustinus und das Kaisertum des fünften Jahrhunderts“. Rede 2007. Link zur Online-Version.

– Charles und Luce Pietri (Hg.): „Die Geschichte des Christentums“, Band 2, Herder 2005.

– Paul Ricœur: „Zeit und Erzählung“ (3 Bände). Fink: München 1988-1990.

Bildnachweis: Das Beitragsbild zeigt die früheste bekannte Darstellung des Augustinus (Rom, Alte Bibliothek des Lateran).


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