„Midas Touch“ – Trumps versehentliche Selbsterkenntnis

„Midas touch“ prangt in goldenen Versalien auf dem Buchdeckel. Kleiner darunter: „Why some Entrepreneurs get rich – and why most don’t.“ Mit dem Titel seines 2011 in Co-Autorschaft mit Robert Kiyosaki veröffentlichten Buches machte Donald Trump einmal mehr klar, wie er sich selbst sieht: als superreichen König, dem alles, was er anfasst, zu Gold wird. Wie bei Midas, dem phrygischen Herrscher, dem laut einem Mythos genau diese Gabe von Dionysos verliehen wurde. Trump hat, so suggeriert wenigstens der Midas-Bezug, nicht nur ein gewisses ökonomisches Geschick, das richtige Quantum Gewissenlosigkeit oder schlicht Glück, nein, was auch immer er beginnt, veredelt er ohne Mühe. Mit der Behauptung, ein Midas zu sein, spricht er sich Genialität zu, ein Können, das an Magie oder Wunder grenzt. So soll das Buch eigentlich etwas erklären, das nicht erklärbar ist. Denn Trump macht aus Scheiße Gold, wie ein Gott einem Menschen im Vorbeigehen Glanz verleiht. Denkt er. Und genau dafür wird er auch von vielen Menschen bewundert.

Nicht nur Trump hat sein Buch nach Midas benannt, auch zahlreiche andere Autor*innen bemühen die Metapher vom König, der alles in Gold verwandelt, schon im Titel. Auch Songs und Filme zitieren den König, sogar Haarpflege oder Autolack werben mit Midas. Für alle, die ihr glückliches Händchen so richtig in Szene setzen wollen, hat Rolex das Uhrenmodell „King Midas“ erfunden, das vielleicht mehr noch als der „Yacht-Master“ oder „Air King“ unverhohlen Reichtum demonstriert. Keine Old Money, keine Andeutung, kein Silber, keine vornehme Zurückhaltung, lieber massiv, glänzend, unmissverständlich. Ein Midas kleckert nicht, er klotzt, ist den anderen „entrepreneurs“ aber dennoch mythisch entrückt. 

Manche antike Mythologeme entfalten solch eine Strahlkraft, dass sie nicht nur in Kunst und Literatur rezipiert werden, sondern eben auch in Werbung, Popkultur und sogar im alltäglichen Sprachgebrauch vorkommen. Redewendungen im Englischen, Spanischen und Französischen nutzen den Midas-Bezug in ökonomischem Kontext. Im Deutschen greifen wir, wenn es um Reichtum geht, eher auf Krösus zurück, nennen Midas aber auch jemanden, dem nicht nur im monetären Sinn, sondern auch in anderen Kontexten alles gelingt. In der Psychologie spricht man vom „Midas-Effekt“, wenn Menschen von der Berührung eines anderen Menschen großzügiger gestimmt werden. Berühren etwa Kellner*innen jemanden am Arm, können sie sich erwiesenermaßen über (mehr) Trinkgeld freuen.

Die Faszination von Midas und seinem unermesslichen Reichtum hat eine lange Geschichte, die bei Anneke Thiel nachzulesen ist. Einen exorbitant wohlhabenden Herrscher namens Midas gab es im altorientalischen Phrygien des siebten Jahrhunderts vor Christus (in der heutigen Türkei) wohl tatsächlich. Seit jeher beschäftigten sich Geschichtsschreiber mit ihm, früh rankten sich aber auch Mythen um Midas. Schon in der Antike war sein Reichtum sprichwörtlich, sein Name sogar ein Synonym für einen reichen Menschen. Der König im fernen Osten stachelte die Phantasie der Griechen an, Geschichte und Erfundenes gingen eine untrennbare Symbiose ein. So bezog sich der Lyriker Tyrtaios bereits im 7. Jahrhundert vor Christus auf Midas als Referenz für größtmöglichen Reichtum. Ende des 5. Jahrhunderts verfasste der Komödiendichter Aristophanes einen raffinierten mythologischen Verweis auf ihn. Für Platon bezeichnete Midas’ Reichtum eine Größe, die nicht übertroffen werden konnte und sich jedem Vergleich entzog. Doch erst der römische Dichter Ovid machte Midas in seinen Metamorphosen im ersten Jahrhundert nach Christus endgültig zu einer mythisch literarisierten Figur. Seine Version stellt heute für uns die wichtigste und einflussreichste Quelle dar.

Schon bei Aristophanes und Platon hat die Midas-Figur eine negative Komponente, die ovidische Midas-Geschichte ist jedoch erst recht keine Erfolgsgeschichte mehr, nein, alles andere als das. Sie ist vielmehr die Geschichte eines gierigen Königs mit einem unüberlegten Wunsch:

König Midas hat Bacchus/Dionysos einen Gefallen getan: Er hat einen Silen, einen Freund des Bacchus, der, alt und angetrunken, verloren gegangen war, wieder zu ihm zurückgeführt (nicht ohne zuvor ein ausgiebiges Fest mit ihm gefeiert zu haben, das ganze zehn Tage und Nächte dauerte). Zur Belohnung darf Midas sich etwas von Bacchus wünschen. Was für eine Chance! Doch Midas wählt schlecht: Alles, was er berühre, möge zu Gold werden. Als ihm der Wunsch erfüllt wird, freut er sich zunächst. Ein Stein, den er aufhebt, wird zum Goldstück. Er bricht einen Zweig ab und hält pures Gold in der Hand. Doch als seine Diener ihm ein Festmahl servieren wollen, geht ihm auf, wie vorschnell sein Wunsch war. Am Essen beißt er sich die Zähne aus und flüssiges Gold kann er nicht trinken. Nicht nur Essen und Trinken, ja sogar sein eigener Körper muss zu Gold werden. Seine Arme glänzen bereits golden. Seine Fähigkeit ist zum Fluch geworden: All das Gold stillt seinen Hunger nicht. Er ist nun reich und arm zugleich (divesque miserque). Midas kommt allerdings glimpflich davon. Bacchus ist gnädig und erlöst ihn auf seine reumütigen Bitten hin von seinem eigenen Wunsch. Er muss nur in einem Fluss baden, um sich vom Fluch reinzuwaschen. Eine bleibende Strafe bekommt er erst bei seinem nächsten Vergehen… 

Genaugenommen ist der mythische Midas also weniger genial als eher ziemlich dumm, was auch Ovid zu betonen weiß: Er sei von einem trägen Geist und denke mit seinem törichten Sinn nicht voraus. Nach Ovid begegnet Midas in der Literaturgeschichte als traurige Person, die eigentlich nach Liebe sucht, oder als lächerliche Figur. Auch die naheliegende moralische Deutung mit der Lehre, dass Gier bestraft wird, taucht immer wieder auf. Kapitalismuskritisch nennt Ernest Borneman pathologische Habsucht den „Midaskomplex“.

Warum sich heute nur das Mythologem des „Midas Touch“ in der Alltagssprache durchgesetzt hat und die eigentliche Pointe der Geschichte nicht? Wissen die Filmemacher, Uhrmacher, Sänger und Autoren nichts vom zweiten Teil der Geschichte? Wir können es nicht nur auf Trumps Kurzsicht schieben. Vermutlich ist das Bild einfach zu reizvoll – die vergoldende Verwandlung, die göttliche Macht, das Wunder -, sodass der Fluch im Segen übersehen wird.

Ein Rezensent auf Amazon dankt Trump dafür, dass er seine Leser*innen an seinen „words of wisdom“ teilhaben lasse, obgleich er den Buchverkauf ja finanziell nicht nötig habe, und ist zuversichtlich, ebenfalls erfolgreich zu werden. Wenn Trump sich selbst als gottbegnadeten Goldfinger sieht, muss er immerhin nicht die im Buch von ihm aufgestellten Erfolgsbedingungen erfüllen, von denen sich sein Leser so viel erhofft. Besser für den Milliardär, sonst hätte er laut seinen eigenen Regeln erst einmal seine „strength of character“ unter Beweis zu stellen. Ob Trump irgendwann wie der mythische Midas für seine Gier büßen muss, wird sich zeigen. Eine Sache könnte er sich aber doch schon jetzt von Midas abgucken: Nachdem der seine zweifelhafte Gabe verloren hatte, zog er sich nämlich aus der Zivilisation in Wälder und Felder zurück und störte dort keinen Menschen mehr. Er ging nur noch Apoll mit seiner Geschmacklosigkeit auf die Nerven. Aber das ist eine andere Geschichte.

Literatur:

Borneman, Ernest: Psychoanalyse des Geldes, Frankfurt 1973, zit. bei Thiel 2000, S. 67.

Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik: Der Midas-Effekt: https://lexikon.stangl.eu/22605/midas-effekt, zuletzt aufgerufen am 3. Feb. 2024.

Ovid, Metamorphosen XI 85–145, ed. W.S. Anderson, München/Leipzig 20019.

Thiel, Anneke: Midas. Mythos und Verwandlung. Heidelberg 2000.

Trump, Donald J./Kiyosaki, Robert T.: Midas Touch. Why Some Entrepreneurs Get Rich and Why Others Don’t. Scottsdale 2012.

Weimer, Fabian/Wurm, Christoph: ‚King Midas‘ im Lateinunterricht – drei ungewöhnliche Adaptionsbeispiele, in: FC 2/2022, S. 151–158.

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