Der Doppelagent war es gewohnt, auf ungewöhnliche Weise angeworben zu werden. Aber dieses Mal war es noch ein paar Nummern abgedrehter. Mitten in der Nacht hatte es am Fenster zu seinem Arbeitszimmer ein Geräusch gegeben wie Donnerhall. Wie so oft war er noch wach gewesen. Mit einer Kerze in der Hand leuchtete er zum Fenster. Zwei grüne Augen leuchteten kurz auf, dann huschte ein Schatten davon.
Er näherte sich dem Fenster, öffnete es vorsichtig und lauschte. Nichts. Da fiel sein Blick auf den Brief, der auf der Fensterbank lag. Der Umschlag trug den Abdruck eines Gebisses. Eines Tiergebisses. Gut, sagte er sich, um den Schreck zu überspielen, nahm den Brief hinein in die Stube, legte sich seinen Lieblingstrack von AC/DC auf und öffnete den Brief. Das erste, was ihm entgegen kam, war ein Bündel lilafarbene 500-Euro-Scheine. Thunder!
Tage später. Während er in der U6 durchgeschüttelt wurde, las er den schreibmaschinengetippten Brief ein letztes Mal. Wo er suchen, wann zuschlagen müsse, ließe sich schwer sagen. Es gelte zwischen den Zeilen zu lesen. Und ja, man habe ihn beauftragt, weil er der Richtige für die Mission sei. Nur die Forderung seiner Auftraggeber war eindeutig gewesen: „Bring uns die Metamorphosen!“
Tage lang hatte er mit sich gerungen, ob er den Auftrag annehmen sollte. Normalerweise stahl der Doppelagent nicht im Gewimmel Hunderter Menschen, sondern an dunklen Orten, zu stillen Zeiten. Gemessen an dem großzügigen Vorschuss durfte er reichen Lohn erwarten. Zuletzt hatte er eine Reihe von Aufträgen in den Sand gesetzt. War das seine Chance, mit einem großen Auftrag zurückzukommen? Oder würde er das Vertrauen seiner Auftraggeber verspielen? Jetzt, da er auf dem Weg zum Salon war, bereute er seine Zusage fast schon wieder.
Er hatte alles sorgfältig geplant. Vielleicht zu sorgfältig. Nicht einmal sich selbst würde er in der überfüllten Akademie noch auffallen, so unpassend hatte er sich ausgestattet. Mit einem zu groß geratenen Rucksack gab er sich als Tourist zu erkennen, die abgenutzte Winterjacke würde kein Redner, kein Mitglied der Akademie je tragen, und sein Bart war das Meisterstück: zu gepflegt, um gewollt nachlässig zu wirken, aber unmodisch genug, um kein Interesse zu wecken. Er würde sich durch die Menge bewegen wie ein Luchs und seinen neugierigen Blick hinter Kontaktlinsen maskieren, die jede menschliche Interaktion subtil abwiesen.
Noch 30 Minuten. Die U-Bahn hielt an der Station „Stadtmitte“. Beim Verlassen der Bahn spürte er, wie seine Sinne sich schärften. Doch mit den ersten Schritten durch die kalte Luft des frühen Abends spürte er ein Magengrummeln. Nichts störte sein Tun so sehr wie die menschlichen Grundbedürfnisse. Er fand eine Bäckerei, die geöffnet hatte. Eine Brezel hatten sie noch. Das war gerade nochmal gut gegangen.
Mit entschiedenen Schritten lief er in Richtung Jägerstraße. Als er am Gendarmenmarkt vorbeihuschte, registrierte er im Augenwinkel das Schauspielhaus, eingerahmt vom Deutschen und vom Französischen Dom, als wären es verschworene Zwillinge. Das Bild faszinierte ihn. Doch was war das? Überall am Eingang der Akademie wimmelte es vor Personal, das Türen öffnete, den Gästen den Weg wies und zu mehrdeutigen Scherzen aufgelegt schien. „Fröhliche Verwandlung“, raunte man den Eintretenden zu. Vor Schreck wäre er auf der gewundenen Treppe beinahe mit einem stattlichen Herrn zusammengestoßen.
Ich bin aus der Übung, dachte er grimmig. In seinem Rucksack wartete auf den Einsatz, womit im Sophie-Charlotte-Salon niemand rechnen würde: sein unscheinbares Notizbuch und ein Füllfederhalter, der nicht nur aussah, als hätte er ihn selbst noch als Schüler vor vielen Jahren benutzt. Nein, die beste Tarnung war immer noch die Wahrheit. Dies war sein abgenutzter Lamy aus Schultagen. In einem Geheimfach aber warteten geduldig auf ihren Einsatz: drei schwarze Patronen.
Der Eingangsbereich war unübersichtlich. Schnell weiter! Da vernahm er eine fatale Stimme: „He, Sie da! Ja, genau, Sie! Mit dem Rucksack könn’ se hier aber nich rein.“ Für einen Augenblick drohte seine Tarnung aufzufliegen. „Können Sie bei der Garderobe abgeben.“ Schon ertönte ein Gong zum Beginn der Veranstaltung. Jetzt gab es kein Zurück mehr. In einem unerkannten Moment verstaute er Füller und Patronen in der Innenseite seiner Jacke. Über das Notizbuch schob er rasch das Programmheft und trug es so unerkannt an der Schwelle vorbei.
Der Leibniz-Saal war laut, so viele Leute waren da. Die Türen ließen sich von außen kaum mehr öffnen. An einer der hinteren Säulen bezog er Stellung und rückte schrittweise vor, sodass er zumindest die Projektionsfläche über dem Podium sehen konnte. Prof. Christiane Nüsslein-Vollhard sprach bereits einführende Worte über die Metamorphosen im Tierreich. Genauer: bei den Fruchtfliegen. Denn zu den Metamorphosen dieser erstaunlich langlebigen Insekten hatte sie geforscht und wichtige genetische Grundlagen ihrer Entwicklung entschlüsselt. Eine Abbildung zeigte die Schritte: Ei → Larve → Puppe → adultes Insekt. Währenddessen kam es zu einem vollständigen Umbau der inneren Organe. War das nicht gruselig?
Für einen Moment glaubte der Doppelagent, dass er sich nun ganz auf seine Arbeit konzentrieren könne. Doch was war das? Die Professorin hielt das Mikrophon so weit von sich fort, dass man nichts mehr verstand. „Mikro!“, rief das Publikum. Kurz tat sie, als wolle sie der Bitte nachkommen. Dann hielt sie das Gerät wieder listig auf Abstand. Das konnte bei einer so erfahrenen Rednerin kein Irrtum sein. Sie wollte nicht, dass diese Informationen von den Falschen gehört würden.
Die „Herrin der Fliegen“, so hatte man die Professorin schon 1991 in der FAZ genannt. Natürlich hatte der Doppelagent sich gut vorbereitet. Bei einem großen Glas eisgekühltem Tee und mit der im Hintergrund knisternden „Die Ärzte“ – Platte hatte er das Tagungsprogramm bis ins letzte Detail studiert. Zwei weitere Sätze aus einem STERN-Interview hatten ihn während seiner peniblen Vorbereitung hellhörig werden lassen. „Der Mensch interessiert mich eigentlich nicht besonders“, hatte sie da gesagt. Es war ihm fast, als hätte sie ihn angesprochen. Später in der Recherche hatte er dann entdeckt, was hinter der Fassade steckt: „Wenn mir zu Hause eine ins Weinglas fällt, dann hole ich sie halt raus und versuche, dass sie wegfliegt. Aber manchmal zerreibe ich sie auch zwischen den Fingern.“ Aha! Diese Frau wusste, was sie tat. Kein Wunder, dass sie 1995 als erste Deutsche und sechste Frau überhaupt den Nobelpreis erhalten hatte. Diese Frau versuchte keine Informationen zurückzuhalten, sie versuchte vielmehr mit der Mikrophon-Nummer seine Aufmerksamkeit abzulenken. Nicht mit mir, dachte er.
Jetzt war die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy an der Reihe, den Begriff der Metamorphose zu veranschaulichen. Das Mittel ihrer Wahl war eine Anekdote aus dem Paris des frühen 19. Jahrhunderts. Und die ging so: Eine junge Frau kam einst jeden Tag ins Louvre, um eine Statue des Apoll zu bewundern. Ihre Verehrung wuchs von Tag zu Tag. Eines Tages brach die Frau in Tränen aus. Lieber wollte sie sterben, als von ihrem Gott getrennt zu sein. Unter größten Schwierigkeiten nur konnte man sie aus dem Museum geleiten. Sie war eine Priesterin dieses Gottes geworden.
Savoy bedauerte, dass die Macht der Kunst heute nicht mehr dazu in der Lage sei, solche Verwandlungen anzustoßen. Der Doppelagent hing dem Gedanken noch nach, aber der Schlagabtausch zwischen Savoy und Nüsslein-Vollhard nahm Fahrt auf. Sprachen die verschiedenen Wissenschaften beim Thema „Metamorphose“ wirklich über dasselbe? Das Gespräch hatte etwas von einer Pokerpartie in einer verrauchten Spelunke. Man wusste nie, ob nicht eine der beiden noch ein Argument aus dem Ärmel zöge. Und dabei lächelten die beiden so freundlich, als habe man vom Kampf der zwei Wissenschaftskulturen noch nie etwas gehört. Spätestens jetzt wurde ihm klar: Hier wird ein perfides Spiel gespielt, um Unstimmigkeiten vor den Augen eines unwillkommenen Betrachters zu verbergen.
Der Moderator deutete bereits auf seine Uhr. Fast wäre dem Doppelagenten ein entscheidendes Detail entgangen: Savoy war Expertin für Raubkunst! Das konnte alles kein Zufall sein. Die Veranstalter von der Berlin-Brandenburgischen Akademie wussten, dass ein Ideenräuber kommen würde. Ein kurzer Blick zu den Türwächtern. Einer hielt sich mit dem Finger ans verkabelte Ohr. Alle Wächter waren per Funk miteinander verbunden. Höchste Zeit, den Raum zu verlassen.
Bevor die Menschenmassen aus dem Saal strömten, schlich er bereits wieder durch die Flure der Akademie. Sein nächstes Ziel: der Preußen-Saal. Hier würde er seine zweite Beute machen. Vorne am Pult stand bereits Prof. Andreas Arndt. Sein Blick huschte über sich langsam füllende Reihen. War da ein Misstrauen? Langsam nur trudelten einige Gäste ein und lachten angeheitert über die vorherige Veranstaltung. Die Sache mit dem Mikro hielten sie für einen Amateurfehler. Einer hielt scherzend seinen cäsarischen Daumen nach unten, als wäre er auf Facebook unterwegs. Offensichtlich waren sie jetzt schon beim zweiten Glas Wein und verstanden nicht, in was für eine okkulte Zeremonie sie sich begeben hatten. 👎
Der Doppelagent spitzte seine Ohren. Von den wenigen Stühlen im Saal würde er sich nicht täuschen lassen. Er hatte die Veranstaltung aus gutem Grund ausgesucht. Als der Professor zu sprechen begann, konnte man noch den letzten im Saal schlucken hören. Was Arndt hier in klandestiner Runde präsentierte, war der Stoff für einen Kriminalroman. Es ging um Friedrich Schleiermachers „Reden über die Religion.“ Gerichtet war die Kampfschrift „an die Gebildeten unter ihren Verächtern“. Er hatte sie 1799 nicht ohne Grund anonym veröffentlicht, denn darin hatte er die dogmatischen Verhärtungen der Aufklärung ebenso angegriffen wie die der Scholastik. Sein Versuch zielte auf nichts Geringeres als die Erneuerung der religiösen Erfahrung.
Vieles würde man in so einer Schrift über die Religion vermuten. Aber nicht dies: eine ebenso erstaunliche wie gewagte Interpretation der Französischen Revolution. Gerade einmal 10 Jahre waren vergangen, seit das französische Volk die Bastille gestürmt hatte. Vier Jahre später hatten die Hébertisten schließlich Notre-Dame und sämtliche Pariser Kirchen in Tempel der Vernunft und der Freiheit verwandelt. Und die Guillotine vollstreckte in immer rasenderem Takt ihr Urteil. Die anfängliche Begeisterung für die Französische Revolution war in Deutschland verflogen; diesem gottlosen Blutvergießen konnten die meisten Beobachter nicht mehr zustimmen.
Doch was schrieb Schleiermacher da von der „erhabenste[n] Tat des Universums“? Tatsächlich: Er sah in der Revolution die unabwendbare Strafe für die Ungerechtigkeit der absolutistischen Herrschaft. Ein Regime, das ungerecht und zur inneren Reform unfähig ist, verdient letztlich, dass es gestürzt wird. Das Eingreifen der Nemesis war unabwendbar geworden. Es brauchte den Blick aus der Ferne, um zu verstehen, worin diese Großtat des Universums bestanden hatte.
So war es gerade Schleiermachers eigentümliche Religiosität, die für die Revolution sprach. Es ging ihm, im ursprünglichen Sinne des Wortes, um die Wiederherstellung gerechter Verhältnisse. Und hierbei setzte Schleiermacher die Freiheit heimlich ins Zentrum seiner Kunstreligion: das Gottesreich galt ihm als Ausdruck freier Zusammenkunft. Deren Vollendung erhoffte er sich, ähnlich wie die Zeitgenossen Kant, Hegel oder Novalis, nicht auf der politischen Bühne, dem großen Welttheater, sondern: durch den Gang in die Innerlichkeit. Nur wenige konnten Schleiermachers religionsphilosophischem Verständnis der Revolution folgen. Vielen mochten seine Hinweise gar entgangen sein. Kein Wunder, dass der Mann Schleier-Macher geheißen hatte. War es vielleicht ein Deckname?
Der Doppelagent folgte den Spuren. Es galt nun, weitere Schleier zu lüften. Und so wagte er sich zurück in den Leibniz-Saal. Die Männer mit dem Knopf im Ohr behielt er stets im Blick. Es blieb keine Zeit durchzuatmen. Vorne auf der Bühne stürzten sich Simon Strauß und Düzen Tekkal mit Leidenschaft in ihre gemeinsame Mission: die Rückeroberung des politischen Konservativismus. Wo Tekkal Engagement forderte, sekundierte Strauß: man dürfe den Status quo nicht schlecht reden. Mit jedem Applaus des Publikums wurden sie mutiger.
Doch inmitten dieses Gewitters saß Christoph Möllers, Autor der „Freiheitsgrade“ und kühler Theoretiker der politischen Mechanik. Fast spöttisch erinnerte er die Runde daran, dass wir uns in einer nach-revolutionären Konstellation befänden. Und das heißt eben: Wir diskutieren heute – anders als früher – ergebnisoffen. „Konservativ“ möge ja ein nettes Wort sein, aber als Begriff tauge es seit der Französischen Revolution nicht mehr. Was wir bewahren wollen, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Was gut ist und bleiben soll, muss in einer Demokratie ebenso begründet werden wie das, was man verändern möchte. Das ist der entscheidende Schritt, hinter den man nicht mehr zurückgehen kann. Strauß und Tekkal aber ließen sich davon offenbar nicht beirren. Es galt, das Konservative wieder schmackhaft, ja, populär zu machen. Doch der Sinn von Demokratie besteht darin, der permanenten Metamorphose des gesellschaftspolitischen Körpers eine institutionelle Seele zu verleihen. So gibt sie dem Wandel Halt.
Grrrum grum. Längst war das Knurren zurückgekehrt. Instinktiv nahm er die Witterung auf. Doch die Köstlichkeiten des Buffets würde er nicht anrühren. Abstinenz war das oberste Gebot des Doppelagenten. Er kommt, wie er geht, sagte er sich. Es galt, alle Informationen zu extrahieren und keine Spuren zu hinterlassen, nicht einmal die Krümel einer zum Möbiusband gewundenen Laugenstange. Um sich nicht weiter beirren zu lassen, rief er sich wieder die Lehren der Band „Die Ärzte“ in Erinnerung, die er in der Planungsphase jedes Auftrags hörte:
„Ich war hier in unsrer Gegend alles andre als beliebt.
Besonders hasste mich ein Schläger, wie es ihn an jeder Ecke gibt.
Ein Duell war unausweichlich, meine Angst entsprechend groß.
Und ohne Anflug einer Chance ging ich auf ihn los.
Als er mit mir fertig war, da sah ich ihn fragend an
[und rief:] Ist das alles?“
Nein, das war noch lange nicht alles, dachte der Doppelagent. Denn jetzt begab er sich vielleicht ins Gravitationszentrum der ganzen Veranstaltung: dem Wissenschaftsforum im Atrium. – Dort stand sie und würde mit allen, die wollten, zu den Wurzeln des Anthropozäns vordringen: Eleanor Scerri, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie. Schon die ersten Sätze machten klar: etwas Außergewöhnliches geschah hier. Es war der Moment, an dem der Doppelagent zu ahnen begann, dass ihn etwas Größeres als ein Auftrag hier hergeführt hatte.
Ist das alles?, schien auch sie mit jedem Wort immer lauter zu sagen. Gerade einmal ca. 250 Generationen war es her, dass der Mensch das Zeitalter der Schrift betrat, das wir heute als Menschheitsgeschichte – wenn auch nur bruchstückhaft – erinnern. Doch von den 8000 Generationen davor, der sog. Vor- und Frühgeschichte des Menschen, wissen wir immer noch wenig. In seiner Ignoranz glaubte der Mensch, vor der Agrarrevolution könne nicht viel geschehen sein. Ein bisschen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, zu primitiv für die Geschichtsschreibung. Scerris leise Ironie war betörend. 8000 Generationen! Das wäre wahrlich ein großer Zeitraum, nur, damit darin nichts von Belang geschehen sein könnte.
Vor dem Auge des Doppelagenten tat sich ein Abgrund auf: die Tiefe dieser Zeit! Hatten die Menschen es nicht immer geahnt, dass in ihnen allen ein großes Rätsel schlummerte? Es war das Rätsel ihrer eigenen Metamorphose und die bisherigen Theorien über den Ursprung der Menschheit erschienen im Licht der neuen Erkenntnisse wie ein Mythos. Der Mensch war nicht in einem kleinen Biotop in Afrika wie aus dem Nichts entstanden, verkündete Scerri, sondern an vielen Orten, in verschiedenen Biotopen, in ganz Afrika.
Die Geschichte der Spezies Mensch musste zu großen Teilen erst noch geschrieben werden. Nicht eine Menschheit, sondern viele Menschheiten waren es, die unsere Geschichte bis heute geprägt haben. Nicht nur hatte die wiederholte Isolation und Neuvermischung verschiedenster Homo sapiens-Populationen zu der enormen Diversität innerhalb dieser einen Gattung geführt. Sogar mit Neanderthalern und Denisova-Menschen hatten die Homo sapiens sich verbunden. Der Mensch, ein überaus anpassungsfähiges Mischwesen.
Schon seit 300.000 Jahren hinterließ der Mensch in seiner Umwelt seinen einzigartigen Fußabdruck. Mit vielen Beispielen zeigte Scerri, wie Menschen die Natur genutzt, verwandelt und auch zerstört hatten. Das große Sterben der Makrofauna auf den meisten Kontinenten, die Umsiedlung großer Landtiere und der Transport von Wildsamen über große Entfernungen, dies alles geschah Zehntausende Jahre vor unserer Zeit. Und selbst das Klima hatte der Mensch bereits lange vor der neolithischen Revolution maßgeblich beeinflusst.
In scharfen Kurven flog der Schulfüller des Doppelagenten über das Papier. Kein Detail sollte ihm entgehen. Was die Wissenschaftlerin an diesem Abend mit großer Gelassenheit aussprach, war ungeheuerlich. Und wie er da in der letzten Reihe saß und alles notierte, was sie zu sagen hatte, bemüht, das Zittern seiner Hände vor den anderen Gästen zu verbergen, da geschah es: Der Blick der Rednerin und der seine kreuzten sich wie Klingen aus Luft. Für einen Augenblick schien auch sie im Vortrag zu stocken. Hatte sie ihn erkannt?
Es war schwer, nicht einem endlosen Taumel anheimzufallen, nachdem sie ihren Vortrag beendet hatte. Es war ihm, als müsste er hinauf aufs Plenum stürmen und rufen: „Nobelpreis! Das ist eines Nobelpreis würdig!“ Der Doppelagent kämpfte mit jedem Impuls seines immer eigensinniger werdenden Körpers. Besinne dich auf deinen Auftrag, dachte er. Wahre deine Tarnung. Wenn du jetzt aus der Rolle fällst …
Ihm war angst und bange. Fast floh er vom Ort des Geschehens und wusste doch: Das entscheidende Duell war unausweichlich. Quer durch das Gebäude eilte er, direkt in die oberste Zitadelle, zum Einstein-Saal. Er wusste, was ihn dort erwarten würde. Aber war er dem gewachsen?
„Es wird noch einmal unheimlich“, begrüßte Georgios Chatzoudis die Gäste. Der Doppelagent glaubte ein wölfisches Grinsen aufblitzen zu sehen. In schrillem Amüsement, von allen Weltläuften enthoben, thronten hier oben zwei Kennerinnen ihres Faches: „nur ein Wort hören sie ernst: Verwandlung“. Und so ließen Kerstin Borchhardt und Erika Münster-Schröer die Ungeheuer aus der Dunkelheit auftauchen, eines nach dem andern. Der Minotaurus (ein Mensch mit Stierkopf) führte die Gäste in sein Labyrinth. Die Chimäre mit den drei Köpfen – Löwe, Ziege, Schlange – ließ ihnen die Haare zu Berge stehen. Und die Kentauren, jene Pferdemenschen, denen man lange vor allem Wollust und rohe Wildheit nachgesagte hatte, trampelten mit ihren Hufen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Waren das wirklich nur antike Verkörperungen der allzu menschlichen Angst vor der proteischen Wandlungsfähigkeit der Natur, wie noch Hegel sie gefürchtet hatte? Oder erweckten sie diese nicht auch zum Leben? Je länger der Doppelagent auf die alten Gemälde und Statuen blickte, desto weniger wusste er, was wirklich war. Als er an sich herabsah, waren ihm lange Krallen gewachsen.
Es war der Mensch, der im Kampf mit diesen Monstern selbst zum Monster wurde: In den antiken Epen traten stets göttergleiche Helden auf, um ihr Heldentum bei der Vernichtung dieser wunderbaren Wesen zu beweisen. Der Doppelagent fauchte vor Wut. In den realen Prozessen der frühen Neuzeit schließlich hatten die Menschen Hexen und Werwölfe tatsächlich verbrannt. Erst der Surrealismus des 20. Jahrhunderts löste die Fixierung auf die vermeintliche Bosheit der Mischwesen und machte den Blick frei für die Verlorenheit dieser merkwürdigen Kreaturen.
Der Doppelagent fühlte eben dies: seine Verlorenheit und den Verlust seiner Tarnung. Halb Mensch, halb Luchs, wollte er sich mit der Beute davon machen. Während er Meter um Meter die Treppen hinabjagte und den Ausgang nicht finden konnte, war es, als jagten ihn die zahlreichen Köpfe der Hydra. Und unten im Leibniz Saal zeigten die Akademiker mit langen Fingern nach ihm und riefen: „Was bleibet, stiften die Dichter!“ Mit ihren alien-artigen Armen schienen sie nach seinem Notizbuch zu greifen. Auf der gewundenen Treppe nach draußen öffnete er seinen Rucksack und fand darin die rettende Brezel, unverzehrt.
Noch Tage später sann er dem Abend nach und wusste nicht, was mit ihm geschehen war. In seinem Notizbuch suchte er nach den entscheidenden Einsichten, ordnete um, ordnete neu, drehte und wendete das Material, schrieb um sein Leben, Patrone für Patrone, bis es immer feiner wurde und schließlich jene Form fand, die ihm eigen und geeignet schien. Schließlich legte er seinen Geheimbericht auf der Fensterbank ab und wartete.
Wochen vergingen. Nichts und niemand kam, seinen Brief abzuholen. Seine neue Gestalt war von unsteter Natur. An manchen Tagen war er ganz Mensch. An anderen zog es ihn zum Fenster, wo alles begonnen hatte, und er wollte keinen Menschen mehr sehen. Der Luchs ist ein scheues Tier.
Thunder!
Anmerkung: Der vorliegende Text entstand aus Anlass eines Besuchs beim diesjährigen Sophie-Charlotte-Salon der Berlin-Brandenburgischen Akademie zum Jahresthema „Metamorphosen“. Weitere Informationen zur Veranstaltung finden sie unter folgendem Link.
Literatur zum Weiterlesen
Andreas Arndt: „Die Reformation der Revolution. Friedrich Schleiermacher in seiner Zeit“. Berlin: Matthes&Seitz, 2019.
Kerstin Borchhardt: „Von Frankenstein bis Xenomorph – Emanzipation, Technologie und Dystopie in der Alien-Franchise“, Link zum Text.
Hans Blumenberg: „Arbeit am Mythos“. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1979
Christoph Möllers: „Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik“. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2020.
Scerri et al.: „Did Our Species Evolve in Subdivided Populations across Africa, and Why Does It Matter?“ in: Trends in Ecology & Evolution, 2018. –> MPG-Artikel zum Paper.
Scerri et al.: „Beyond Multiregional and Simple Out of Africa Models of Human Evolution“ in: Nature Ecology and Evolution, 2019. –> MPG-Artikel zum Paper.
Friedrich Schleiermacher: „Über die Religion“, 1799. –> zur Online-Version bei Zeno.
Bildnachweis: Arnold Böcklin: Zentaurenkampf (1872/1873), Link zur Dateiquelle (Wikimedia Commons)
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